Asien - Mit klapprigem Auto von Tadschikistan nach Deutschland
Asien, die Seidenstrasse - Mit klapprigem Auto von Tadschikistan nach Deutschland. Eine abenteuerliche Reise durch Usbekistan, Afghanistan, Turkmenistan, Iran nach Deutschland
In den frühen Morgenstunden warfen wir die letzten Habseligkeiten in unseren Ford-Fiesta. Ich schüttete reichlich Wasser in den defekten Kühler. Seit ein Bekannter den Wagen gegen ein Mäuerchen gesetzt und verschiedene tadschikische Mechaniker ohne Ersatzteile ihr Glück versucht hatten, war das Auto nicht mehr das, was es einmal war. Die Windschutzscheibe wurde durch normales Glas ersetzt...irgendwie musste ich das Steuer links eingeschlagen halten, um gerade voran zu kommen. ‚Das geht schon...’ versicherten uns Russen und Tadschiken. So brachen wir auf, unsicher und zweifelnd über unser gewagtes Vorhaben: Asien - Mit klapprigem Auto von Tadschikistan nach Deutschland. Eine Fahrt ins Ungewisse quer durch Zentralasien entlang der alten Seidenstrasse.
Tadschikistan
Das Geschrei aus der benachbarten Geburtsklinik, das mich schon seit Nächten in der letzten provisorischen Unterkunft in Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, hatte nicht mehr schlafen lassen, ...es war endlich verstummt. Ein letztes mal drückten wir unsere tadschikischen und russischen Freunde. Freunde? Nein, es sind unsere Brüder, es sind unsere Schwestern! Wir lagen uns in den Armen, ...herzten uns. Nicht loslassen konnte ich Mussaffar, nie vergessen möchte ich Ziod. Erwachsene Männer und dennoch, die Tränen flossen. Betrübt standen wir im Halbkreis! Eine letzte Flasche Wodka kreiste, ...ein letzter Trinkspruch, ...eine letzte Ehrung: Wir tranken die Wassergläser im einem Zug leer. Der Wodka brannte gegen den Abschiedsschmerz! Wie immer sprang der Diesel zuverlässig an: Katrin, meine Lebensgefährtin und ich verließen unser geliebtes Tadschikistan, ans Herz gewachsene zweite Heimat.
Vier Jahre lang hatten wir die phantastische Hochgebirgswelt der Fünf- und Sechstausender genossen, ...zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Motorrad unterwegs. Wir hatten gelernt die oft benutzte Leerfloskel ‚Freiheit’ mit Inhalt zu füllen! In der Hauptstadt gab es nur ein bescheidenes Freizeitangebot. So ergötzten sich in den zerstörten Käfigen des Zoos Einheimische an gelegentlichen Hahnenkämpfen, umgeben von den wenigen traurigen, überlebenden Kreaturen des Krieges, wie einem abgemagerten Kamel und einigen wahnsinnig blickenden Bären. Das Ende des tadschikischen Bürgerkrieges hatten wir miterlebt, den Kampf zwischen Ex-Kommunisten und Islamisten, abtrünnigen Feldkommandeuren wie einem ‚Rachman Hitler’, der Drogenmafia und einfachen Banditen. Nun war alles plötzlich zu Ende. Nachdem zuvor der Versuch gescheitert war mit unserem betagten Fiesta Richtung Osten über Kirgistan, China und die Himalaya Pässe auf den indischen Subkontinent zu gelangen, um von dort gegen Westen zu steuern, sollte es nun über Usbekistan, Afghanistan, Iran und die Türkei direkt westwärts nach Bonn gehen.
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Usbekistan
Unweit Duschanbes überquerten wir die usbekische Grenze. Die usbekischen Grenzer waren vor ein paar Jahren noch mit Kalaschnikow behangene Jugendliche, die in ihren sowjetischen Restuniformen und billigen Turnschuhen erbärmlich aussahen. Mit wichtigen Blicken blätterten sie damals die westlichen Pässe durch, die oft verkehrt rum lagen. Als sie auf die Seite mit dem Photo kamen, wurde ihnen die Peinlichkeit bewusst. Mittlerweile hatten sie das Handwerk besser gelernt und wir wurden zügig abgefertigt. Unser erste Ziel war Termes, die Stadt am Amu-Darya, dem Grenzfluß zu Afghanistan mit einziger unzerstörter Brücke. Die ,Brücke der Freundschaft’, über die die stolze Sowjetarmee einst ihre Bodenoffensive gegen Afghanistan begann und über die sich, Jahre später, die geschlagenen Russen zurückziehen mussten. In Termes wollten wir Volker treffen, eine alten Bekannten aus Duschanbe, der sich als einer der ersten Westler nach der Vertreibung der Talibs in Mazar-e-Sharif niedergelassen hatte. Die Enttäuschung war unbeschreiblich groß, als uns Volker klar machte, dass die Strecke durch Nordwestafghanistan Richtung Herat und weiter in den Iran für den Fiesta wegen der Kriegsschäden beim besten Willen nicht zu bewerkstelligen war.
Drei Jahre lang hatten wir von Afghanistan geträumt, unzählige Male die Grenze besucht und hinübergeblickt in diese so nahe und doch so ferne, verbotene Bergwelt. Ihre brachiale Einzigartigkeit ließ uns nicht mehr los. Auch heute glaube ich noch: Kein Land ist wie dieses! Jetzt sollte es wenigstens ein Trip ohne Auto werden. Aber wohin mit unserem Ford. Da war guter Rat teuer!
Die Bundeswehr hatte am Militärflughafen von Termes gerade ihre Operationsbasis für Nordafghanistan eingerichtet und begann ihr ‚Kriegsteilnahme-Alibi’ zu pflegen. Das Ganze hatte eine Pfadfinderlager-Atmosphäre mit wohl genährten, herumlümmelnden Soldaten. Ich fragte mich, was die Engländer und Amerikaner denken würden, wenn sie es so sehen könnten. Es gab sogar Mülltrennung! Gepflegtes Deutschtum! Wir beschwatzten einen Major oder ähnliches, unseren Fiesta auf dem Gelände stehen lassen zu können. Ein windiger, gut Deutsch sprechender Afghane, der mit Volker herüber gekommen war und mir sofort imponierte, handelte den deutschen Soldaten schnell ein paar Bierdosen ab. Der Major meinte: ‚Da rüber, ...das sollten Sie sich aber wirklich gut überlegen...’. Wir boten ihm etwas zu rauchen an. Er gab Ruhe.
Volkers eingehandelte Bierdosen, in Afghanistan von allen Akteuren streng verboten, versteckten wir gemeinsam aufwendig in seinem Geländewagen. Ach, irgendwie war die Bundeswehr ja okay! Am schwerbewachten Brückenkopf verschleierte sich Katrin mit meinem löchrigen Tuareg-Tuch, das ich vor Jahren in Südmarokko gegen meine Armbanduhr eingetauscht hatte. Ein größeres Stück Stoff war nicht zur Hand. Die quer zur Fahrbahn verlaufenden Drahttore über die historische Brücke wurden vom usbekischen Militär geöffnete, Sperren beiseite geräumt und wir fuhren hinüber, hinein in eine mittelalterliche Welt.
Afghanistan
Die Talibs waren erst seit wenigen Monaten vertrieben. Noch hatte keine Auslandshilfe richtig durchgeschlagen und schon kurz nach der Brücke kämpften wir mit meterhohen Sandwächten, in denen der letzte Lkw-Konvoi festsaß. Zerlumpte afghanische Kämpfer und Kinder arbeiteten in glühender Hitze aus vollen Leibeskräften daran, die Fahrzeuge freizuschaufeln ...und hofften auf ein paar Münzen. Bei Ankunft in Mazar fielen die vielen Einschusslöcher in den ostwärts gerichteten Seiten der Gebäude auf. Sie hatten teilweise die Größe von Zimmerschränken.
Wir kamen in Volkers Lehmhütte unter, die von einem Hof mit hoher Mauer umgeben war. In der Hütte standen ein Bett, ein Tisch und ein Fernseher ...nicht viel mehr. Drei Hazara Witwen, die immer noch auf die Rückkehr ihrer Männer aus irgendeinem afghanischen Krieg warteten, sorgten für den ‚Haushalt’. Volker nannte sie ‚meine Täubchen’. Volker, der Christenhund, beruhigte den Vorbeter einer benachbarten Moschee durch gelegentliche Beteiligungen an den Leistungen seines Generators. Das Gerät ratterte fast ununterbrochen. Wir schleppten noch einige Dieselkanister zum Generator, dann bastelte Volker an der Ausrichtung seiner Satellitenschüssel herum. Wenn kein Regen fiel und kein ‚Afghanez’-Sandsturm den Himmel in gelbe Schleier zerfallen ließ, erreichte RTL gerade noch so Zentralasien. Die Hitze war unerträglich. Wir tranken warmes Bier und hatten schon richtig rote Wangen, als Schumacher das Rennen endlich gewann. Nach der Vorstellung sammelte Volker die Bierdosen in einem grauen Sack ein, um sie später in der Wüste draußen vor der Stadt zu vergraben. Es war der Abfall, den auf keinen Fall irgend jemand bei ihm finden sollte!
Am nächsten Morgen musste sich Volker um eine Hilfslieferung kümmern, die irgendwo verloren gegangen war. Ich schlenderte mit Katrin zum Bazar. Wir sahen uns nach einer Burkha um. Die Sehschlitze waren bei allen Modellen zugenäht. Dass die Frauen nun auch noch völlig blind durch die Welt taumeln sollten, ...so konnte es der Kameltreiber-Prophet doch beim besten Willen nicht gemeint haben! Eine Erklärung war aber schnell zur Hand: Erst wenn sich die geehrte Kundin für ein Modell entschieden hatte, trennte der Händler ein Stückchen Stoff hinter dem Sehschlitz heraus. Ich fand die Idee genial! ,Eine Burkha mit Frischesiegel’, dachte ich!
Die nächsten Tage kämpften wir uns mit Volker über unbeschreibliche Pisten Kilometer um Kilometer durch Nordwestafghanistan. Alle paar Kilometer verließen wir das Fahrzeug, diskutierten wie eine Stelle am besten zu meistern war und schleppten fußballgroße Steinbrocken aus dem Weg. Im Raum Sar-i-Pul ging es durch mittelalterliche Dörfer und Volker schaute gelegentlich bei befreundeten Bauern vorbei. Wir hockten auf den Boden ärmlichster Hütten. Immer war Zeit für ein Schwätzchen, etwas Fladenbrot, einen Tee und ich hoffte, dass das herumliegende Waffenmaterial gesichert war. Außer Katrin ...nirgends ein betörendes weibliches Antlitz, kein zartes Stück Haut verborgen unter schwarzem Stoff, kein versteckter Blick aus dunklem Augenpaar, ...so dunkel, so tief, dass ein Mann sich in ihm für immer hätte verlieren können. Ich wusch mich nicht mehr, verzichtete aufs Rasieren, Afghanistans Sonne brannte meine Haut ledrig, Staub und Erde wurden mir wieder nah, ich dachte zurück an meine glückliche Kindheit in Äthiopien. Ein vergessenes, elementares Leben drängte sich seinen Weg ungestüm nach vorn, besetzte Seele und Geist, benebelte meinen Verstand. Ich fühlte mich wohl aber ich wusste, wenn ich mein inneres Gleichgewicht nicht völlig verlieren wollte, dass es Zeit wurde loszulassen und wieder aufzubrechen.
In einer Hütte hing ein Plakat, das den genialen Kriegsherren Shah Massoud zeigte, den ‚Löwen des Panjir-Tals’. Dann kamen wir am Palast von Usbeken-General Dostum vorbei, der Gerüchten zufolge gefangene Talibs in Schiffscontainer sperren ließ, um sie dann einfach in der Wüste abzustellen. ,Kann warm werden, in so einem Container', ging mir durch den Kopf, als wir durch die ausgetrocknete Landschaft rollten.
Usbekistan
Zurück in Termes ging es Richtung Samarkand, das wir schon von früheren Besuchen kannten und rechts liegen ließen. Wir drehten in Richtung Buchara/Aral-See ab, nun immer gegen Westen durch die Kysylkum Wüste. Gespenstisch leuchteten die riesigen Flammen über den usbekischen Gasfeldern in den unendlich hohen Nachthimmel der zentralasiatischen Steppen. In Karschi, Übernachtung: Hier hatten wir schon einmal in einem riesigen zerfallenden Sowjet-Hotel geschlafen. Es hieß damals: Hier läuft Kaltwasser zwölf Stunden am Tag und Heißwasser zwölf Stunden in der Nacht! Warum das so war, konnte niemand erklären. Als wir in dem verlassenen Hotel nach hunderten Kilometern Fahrt durch eine eisige Wintersteppe Unterschlupf suchten - die Heizung funktionierte selbstverständlich nirgends im Hotel und die einsame Rezeptionistin war als großes Wollknäuel verpackt - halfen wir uns damit, die glühend heiße Dusche die Nacht über laufen zu lassen und wickelten uns auf den Betten in Schlafsäcke. Der Schlaf war gut, aber feucht. Am nächsten Morgen ähnelte das Zimmer einem tropischen Gewächshaus. Draußen hingen die Eiszapfen am Balkongeländer. Pünktlich wurde die Dusche am Morgen plötzlich kalt, irgendwann kam gar kein Wasser mehr.
Das meiner Ansicht nach schönste Bauwerk islamischen Ursprungs ist die große Moschee in Buchara, deren türkise Kuppeln den Karawanen in alter Zeit weit in die Steppe entgegen leuchteten. Der imposante Turm anbei, auch sehr schön, aber etwas gruselig, hatte man doch früher Straftäter in einen Sack gebunden und von oben in die Tiefe gestürzt. ,Gab sicher gute Matsche auf dem Vorplatz’, ging es mir durch den Kopf. Touristen gab es keine, dafür unterhielten Scharlatane und Gaukler die wenigen Einheimischen.
Wir verließen die Strecke, die zum Aral-See weiterführte und bogen südwärts ab, dem Reich Turkmenbashis entgegen. Den austrocknenden Aral-See hatten wir schon früher kennengelernt. Von den Kaimauern in Moynak, an denen in den sechziger Jahren noch das Wasser plätscherte, dehnte sich, so weit das Auge reichte, ein ödes Sandmeer aus. Die verzweifelten Menschen versuchten dem zurückweichenden Wasser einen Kanal hinterher zu graben, aber das Wasser verließ sie schneller als sie graben konnten. Nun lagen Skelette von Schiffen verstreut auf dem Boden des Sees, die Frachträume längst mit Sand zugeweht.
Turkmenistan
Nach dem Grenzübertritt ging es viele hundert Kilometer öde voran, von Nord nach Süd durch die Karakum. Immer wieder machten dem Fiesta Sandverwehungen zu schaffen, noch hielt der Kühler. Wir hatten rund 30 Liter Wasser dabei, ...eine Schaufel wäre nicht schlecht gewesen. Über Stunden krochen wir durch das Sandmeer voran. Die Straße war in schlechtem Zustand, keine Ereignisse, kein Verkehr. Dann, irgendwo im nirgendwo, ein zersplittertes Kamel am Straßenrand. Es war wohl unter die Räder eines iranischen Trucks geraten. Die Langstreckenfahrer schafften Güter vom iranischen Hafen Bandar Abbas am Persischen Golf bis hoch nach Almaty ...was für eine Strecke ...bremsen lohnt nicht! Wie ein fernes Wetterleuchten tauchte mit einsetzender Nacht schließlich Aschgabat auf, das neue Rom am Rande der Steppe. Hinter einer am violetten Horizont aufsteigenden Gebirgskette, der ersten seit Tagen, lag in nächtlicher Ferne der Iran.
Turkmenbashi, Gottführer aller Turkmenen, war vor der Vollendung seines neuen Roms leider verstorben...irgendwie banal, als hätte er sich davon gestohlen. Vielleicht war er mit den Baufortschritten unzufrieden. Praktisch, dass das alte Aschgabat zu einem großen Teil schon durch ein Erdbeben zerstört wurde, so konnte man an Planierraupen sparen. Turkmenbashis Personenkult bleibt bis heute unerreicht: Turkmenbashi war überall. In jeder Funktion grüßte er uns von überdimensionalen Plakatwänden: Als Militär in der Uniform eines turkmenischen Feldmarschalls, als Agrarexperte prüfte er die Baumwolle, als Arzt umsorgte er Patienten. Gegen ihn kann der große Kim aus Nordkorea immer nur wie ein Zwerg dastehen, egal wie hoch seine Plateaustiefelchen sind. Turkmenbashi hatte Bewegendes vollbracht ...zum Beispiel die Monate des Jahres nach Familienmitgliedern umzubenennen. Aus einer riesigen Weltkugel, die ein mächtiger steinerner Stier trägt, reicht die Turkmenbashi-Mutter das vergoldete Turkmenbashi-Baby an die Welt. Auf einem anderen Monumentalbau, einem riesigen dreibeinigen Turm, der mich an eine startklare Sojus-Rakete erinnerte, steht Turkmenbashi vergoldet mit ausgebreiteten Armen. Ein Mechanismus sorgt dafür, dass sein Antlitz immer von der Sonne beschienen wird. Und wer das ‚Ruhnama’ des Führers noch nicht gelesen hat, der ist ohnehin verloren. Zum Glück war es verboten, während einer Operation zu sterben, so hatte auch das einfache Volk von all der Güte etwas. Nur die Ärzte hatten Angst.
Vor dem pompösen Turkmenbashi-Palast im Zentrum der Stadt, einem angeblich aus italienischen Marmor nachgebauten Petersdom, war eine riesige Leinwand aufgebaut. Es lief ‚Tom und Jerry’. Katrin und ich waren begeistert und minutenlang gefesselt. Der Herrscher kletterte schlagartig auf unserer Sympathieskala wieder einige Punkte nach oben. Anschließend bekundeten wir unsere tiefe Ehrfurcht vor der zentralen, hochhausgroßen vergoldeten Statue des Führers. Ich hatte Blähungen und hoffte die Ehrengarde würde den Frevel nicht hören. Auch der Ford Fiesta gab einen kurzen Zischlaut aus dem überhitzten Kühler. Er freute sich, denn wegen der ohnehin niedrigen Energiepreise und dem irrwitzigen Schwarzmarkt Geldkurses erhielten wir für rund einen Euro sechzig Liter Diesel ...das fasste der Tank natürlich nicht und so watete ich ratlos durch verschwenderische Diesellachen an turkmenischen Tankstellen, aus denen krumme Zapfsäulen herausragten.
Iran
Für die umgrenzenden Länder Tadschikistans hatten wir schon seit längerer Zeit Dauer-Visa in den Pässen und die in kyrillischer Schrift gehaltenen tadschikischen Autopapiere wurden in den Ex-Sowjetrepubliken mehr oder weniger anerkannt. Gegebenenfalls halfen einige US-Dollar Noten, bunte ‚Haribo-Goldbären’ waren auch oft hilfreich. Ich dachte mir: , Ja, so wie früher mit den Glasperlen in Afrika, ...so läuft es hier.’ Nun ging es aber raus aus dem Raum der Ex-Sowjetunion, mit unlesbaren Autopapieren ohne Autoversicherung, sieht man von der tadschikischen Staatsversicherung ab, die im Schadensfall einem Geschädigten mit umgerechnet maximal 40 Euro wieder auf die Beine half. Ob dieses auch für Opfer galt, die im Ausland über die Motorhaube flogen, konnte ich, trotz ernsthaften Bemühens, nicht ermitteln. Auf solche bizarren Fragen schien die tadschikische Staatsversicherung nicht eingerichtet. Also rechneten wir damit, den Wagen früher oder später an einer Grenze zurücklassen zu müssen. Sicher würde es immer schwieriger werden, je näher wir an Europa heran kamen.
Auf der Passstraße hoch zur iranischen Grenze mussten wir immer wieder wegen Überhitzung anhalten. Das Thermostat hatte ich schon in Kirgistan rausgeworfen. Katrin legte ein neues Kopftuch an. Diesmal unverschämt knapp! Sie sah trotzdem sehr streng und züchtig aus. Ich dachte, es hätte dem Kameltreiber-Propheten sicher gefallen. Kurz nach dem Pass grüßte uns ein grimmig blickender Greis mit wacklig erhobener Hand zum heiligem Gruß: Khomeni! Ich fand der Turban saß schief, das hätte man auf dem Plakat doch unbedingt retuschieren müssen! Dann ...die Grenze! Hinter dem Schlagbaum hampelten ein paar Ahmadinedshad-Zwerge herum. Jetzt fiel mir auch noch zum Schreck ein, dass ich mit Katrin ja nicht verheiratet war. Sie als meine Schwester oder Mutter zu verkaufen, schien mir gewagt. Die Iraner waren aber überraschend freundlich und gesellig. Eigentlich schade, dass sie nicht trinken. Für rund 50 Dollar konnten wir eine Versicherung erwerben. Sie legten uns eine Route fest, über die wir den Iran zu durchqueren hatten. Wir waren so euphorisch, dass wir uns schon bald nicht mehr an die Route hielten und munter durch die iranische Provinz kurvten. Alle hundert Kilometer musste ich anhalten, um den Fiesta abkühlen zu lassen und um Wasser nachzugiessen. Die Straßen wurden schlagartig besser.
Nach einem Abendmahl in einer Provinzstadt und dem Ertragen von vielen Blicken die auf uns unbekannte Ausländer gerichtet waren - im ganzem Iran sahen wir keinen einzigen westlichen Ausländer - hieß es einen Schlafplatz finden. Ein Hotel war ausgeschlossen. Zwischen all den schwarzen Schleiereulen fiel Katrin trotz Kopftuchs wie ein rosarotes Bonbon auf. Vor den Sittenwächtern und der berüchtigten Pasdaran (iranische Revolutionsgarden) hatte ich gehörig Schiss. Das war hier kein Chaos-Afghanistan. Die Leute waren organisiert, ein gereifter Gottesstaat, man weiß wo sich die Sünde verbirgt und spürt sie gnadenlos auf! Also wieder zurück auf den Asphalt und ab in die Steppe. Außerhalb der Stadt warteten wir am Straßenrand bis es dunkel wurde. Ich ließ das Licht ausgeschaltet. Als kein Verkehr mehr kam, bog ich ruckartig vom Asphaltband ab und wir hoppelten einfach einige Kilometer in die dunkle Steppe. Ich hatte meine Not einigen Büschen auszuweichen. Katrin hatte ihren Kopf aus dem Fenster hängen und dirigierte laut. Nach einer ‚Wasserkanister-Notdusche’ im Hocken vom Dach des Fiestas hieß es endlich ,Gute Nacht’!
Den Blutbrunnen - ein mit roter Farbe betriebenes Wasserspielchen zur Erinnerung an die Toten des irakisch-iranischen Krieges - fand ich leider nicht. Jemand erzählte uns in gebrochenem Englisch, dass er abgeschaltet ist. Vielleicht war die Farbe zu teuer geworden, oder ein Spaßvogel hatte ein Packung Waschpulver in den Brunnen geschüttet? Nach einer stundenlangen Irrfahrt durch das hitzeflirrende Teheran und anschließendem Abstecher ans Kaspische Meer fanden wir zum Glück auf den ‚Märtyrer Dadman Highway’ zurück, der uns Richtung Täbris führte. Befreiend war der Müll, der überall im Iran herumlag oder herumflatterte. Die Leute schienen auch ihre Picknicks unbekümmert auf Müllbergen einzunehmen. Das Leben kann so einfach sein, das lästige Suchen nach Papierkörben hatte sich erledigt: Durch ein Autofenster kann man so einiges hinauswerfen. Ich dachte an die Mülltrennung bei der Bundeswehr in Usbekistan. Es ist schon eine schräge Welt!
Nach einer weiteren Nacht in einer abgelegenen Kiesgrube nahmen wir Fladenbrot und Tee in einem Cafe in Täbris zu uns. Man entdeckte eine riesige Ratte, die von Gästen und Angestellten gnadenlos gejagt wurde, um sie mit heißem Wasser zu Tode zu verbrühen. Anschließend warf man das Tier auf die vielbefahrene Straße vor dem Café und Angestellte und Gäste amüsierten sich köstlich, als der Kadaver von Fahrzeugen erfasst wurde und bizarre Purzelbäume durch die Luft schlug. Das Fremde ist gelegentlich anstrengend. Gegen Mittag tauchte die mächtige Silhouette des Ararats auf und der kilometerlange Rückstau von Lkw kündigte die nahe Türkei an. Würde nun unsere Reise ihr abruptes Ende finden?
Türkei
Nachdem Männchen und Weibchen ordentlich getrennt durch die iranische Abfertigung geschleust wurden, sah ich mich nochmal um und eigentlich ...ja eigentlich hatte ich mich auch in den Iran verliebt und wollte unbedingt wiederkehren. Aber jetzt musste ich mich auf die türkischen Zöllner konzentrieren ...würde es nochmal gelingen? Mir fielen die kleinen Bildchen mit halbnackten Mädels an der Grenze auf, wollte man da die Iraner reizen? Die Abfertigung dauerte unendlich lange ....die Türken verstanden gar nichts! Nicht wer wir waren, woher wir waren und warum wir hier waren. Auch die weiße Ford-Fiesta Kugel mit den rot-weißen Kennzeichen blieb ihnen ein Rätsel. Dazu die Verständigungsprobleme! Dennoch, nach einigen Stunden gab man auf und ließ uns ziehen, der erste Schlagbaum öffnete sich, der zweite, der dritte und der letzte ...die Türkei schon zum Greifen nahe! Da rief plötzlich jemand aufgeregt von hinten ,...insurance, insurance’ und der Schlagbaum senkte sich wieder. Ich dachte nur ,Shit! Willkommen auf dem Planeten Erde ...da haben wir es, da ist unser Problem!’.
Den Rest des Tages wurden wir in einem provisorischen Zelt der Grenzer festgesetzt. Man erzählte uns etwas von ,Carnets’ und ‚internationalen Versicherungskarten’. Ich beteuerte, dass Tadschikistan für jeden Schaden aufkommt, das ist doch klar! Ab und zu wurden iranische Kleinhändler in das Zelt geführt und ihre überzählige Ware wurde von den Türken genussvoll zerstört. Besonders perfide war, dass einige dazu aufgemuntert wurden ihre Ware, wie etwa Keramik, selbst vor den Zöllern zu zertrümmern. Gegen Abend wurden wir lästig. Ein Versicherungsagent, der angeblich aus der nächsten Provinzstadt anreisen sollte, erschien nie. Ich musste zahlreiche Papiere und Erklärungen unterschreiben und verpflichtete mich am nächsten Tag eine Versicherung in einer grenznahen Stadt abzuschließen. Endlich ließen sie von uns ab und gaben den Weg frei. Wir revanchierten uns für den Zeitverlust, indem wir keine Versicherung abschlossen und stattdessen einen Abstecher an den Van-See in Kurdistan machten, dann wieder scharf nordwärts ans schwarze Meer fuhren ...ein Bad war nun wirklich nötig, um den letzten Staub der Steppe abzuspülen!
Als wir schließlich die hohen viereckigen Bögen einer mächtigen Hängebrücke vor uns auftauchen sahen, wussten wir, nun geht es von Asien über den Bosporus nach Europa, das anständige Europa, das aufgeräumte Europa. Meine Laune geriet auf einen Tiefpunkt. Ich ahnte, dass es bald zu Ende sein würde. Ein letzter Blick in den Rückspiegel ...ich drehte meine Hand aufgewühlt am Steuer. Langsam versank Asien mit seinen Menschen hinter uns. Die Räder drehten sich unermüdlich weiter gegen Westen, unerbittlich schluckten sie die Mittelstreifen und trugen uns fort, ...weg von all unseren Sehnsüchten und Träumen.
Hinter Istanbul berieten wir uns: Über Bulgarien, Rumänien, Ex-Jugoslawien nordwärts oder durch Nordgriechenland, mit der Fähre rüber nach Italien, dann den Brenner hinauf? Ach wie klein wurden die Strecken, wie eng rückte nun alles zusammen! Wir entschlossen uns für die Nordgriechenland-Variante, wegen der zu vielen Grenzen der anderen Option und der damit verbundenen Befürchtung, unseren Wagen doch noch irgendwo auf dem Balkan stehen lassen zu müssen.
Hinter dem griechischen Alexandropolous verläuft die EU-Außengrenze. Jetzt die Grenze unser Ängste: ,Hier müssen wir sie nehmen, hier müssen wir rein, ...mit oder ohne Papiere, und wenn ich über einen Acker hinein rollen muss!’. Katrin schlug ein, wir waren uns einig! Wir bekräftigten es nochmal und hauten dem Fiesta aufs Dach. Entschlossen schlugen wir unsere Richtung ein, gerieten aber schon nach einigen Kilometern in ein Stauende. Das erste seit Duschanbe.
Es war die Rückreisewelle türkischer Gastarbeiter nach Europa. Zum ersten Mal seit Duschanbe hörten wir Deutsch. Verzweifelte Türken erzählten uns, dass sie seit sechzehn Stunden standen. Jetzt erst sah ich, dass auf den umliegenden Feldern Menschen ihre Notdurft verrichteten. Babys schrien, Mütter klagten. Jemand versuchte Wasser zu verkaufen. Es war unerträglich. Wir kehrten um, schlugen einen weiten Bogen, fuhren über Feldwege, suchten Spuren Richtung Westen ...und dann, erneut auf die EU-Grenze zu! Plötzlich sahen wir die riesige Blechschlange wieder, nun aber nur noch einige Stunden Wartezeit von der Grenze entfernt. Wir hoppelten seitwärts auf das Asphaltband zurück, ...die Menschen waren gereizt, einige wollten uns zur Rede stellen. Woher wir plötzlich kämen? Beinahe kam es zu Handgreiflichkeiten. Nach sechs Stunden Wartezeit verstanden wir, dass es nicht etwa die Griechen waren, die die Türken quälten, sondern deren eigene, türkische Abfertigung. Offenbar mochte man die glücklicheren Landsleute noch einmal richtig ärgern, bevor sie ins fette Europa ausreisen durften. Wir hatten bald den Ausreisestempel. Ich blickte über den nahen Grenzfluss: Im Wind flatterte das blaue Sternen-Banner der Union!
Europas östliche Grenze
Über das Auto hatten wir nichts Verwertbares in der Hand, aber wir versuchten es trotzdem. Notfalls würden wir nach Istanbul zurückfahren müssen, den Wagen dort stehen lassen und den Flieger nehmen. Die unendlich lange Blechschlange schob sich Stoßstange an Stoßstange über den Grenzfluss, dann sahen wir die griechischen Grenzer. Nur zwei Mann. Völlig erschöpft hockten sie in einem Glaskasten an der Fahrbahn, wie ein Maut-Häuschen einer französischen Autobahn. Aus jedem türkischen Wagen wurden ihnen Pässe vor die Nase gehalten. Erkannte der Grieche ein Visum, machte er die immer gleiche, roboterhafte Handbewegung, die zur Weiterfahrt aufforderte. ‚Sie sind müde, sie sind fertig, haben schon hunderte abgefertigt, keine Zeit mehr die Wagen zu kontrollieren’, schoss es mir durch den Kopf. Schon kamen wir dran. Ich hielt stark schwitzend unsere deutschen Pässe hoch. Der Grieche stutzte etwas. Ich schluckte. ,Wenn er jetzt fragt...deutsch...? Dann sage ich ja, ...haben Urlaub in Antalya gemacht! Er sagte gar nichts. Die Roboterhand bewegte sich langsam von rechts nach links, an einem Finger blitzte ein protziger, goldener Ring. Die Festung Europa war geschliffen! Die Räder rollten an ...der Weg bis an den Atlantik: Frei!
Nordgriechenland, eine Fähre, Italien, der Brenner. Es ging alles ganz schnell. Bei Garmisch-Patenkirchen: ... deutscher Boden! Nur nicht auffallen, hieß es nun! Unbekannte rot-weiße Kennzeichen, wertlose Autopapiere und ohne Haftpflicht. Zu gut wussten wir, dass der Lebensstandard in Deutschland noch viel zu hoch ist, als dass sich deutsche Blaulicht-Greifer auf ‚Geschenke’ einlassen würden, um uns die Weiterfahrt zu ermöglichen. Nur nicht auffallen: Der Wagen wurde notdürftig geputzt und wir fuhren seit Jahren erstmals wieder angeschnallt. Auf den Autobahnen Richtung Norden reihte ich mich brav auf der rechten Spur ein und ließ uns ,mitschwimmen’, möglichst immer eingeklemmt zwischen großen Lkw. Sie halfen die Kennzeichen zu verdecken. Kassel, Göttingen, ...endlich kommt die schützende Nacht. Vom Berliner Ring ging es Richtung Norden, B 96. Wir erreichten die Ostsee. In Greifswald überraschte Katrin ihre Familie in der Burkha. Spiky, der kleine Terrier, kläffte wie wahnsinnig geworden die wandelnde Stoffsäule an.
Heimkehr! ....Heimkehr?
Die nächste Nacht ...die letzte Etappe! Von der Ostsee pfiff ein steifer Wind herüber. Zum Abschied ein starker Kaffee, ein, zwei Wodka hinterher ...wir starteten. Der Fiesta rauschte durch seine letzte Nacht. Bei Dannenberg über die Elbe, dann Celle, Hannover, später das Ruhrgebiet. Gegen vier Uhr morgens, Auffahrt auf die A 555 Köln-Bonn: A 555, Autobahn aller Autobahnen! Sie ist nur kurz, aber sie enttäuscht nicht: Wenig Verkehr, dreispurig, platt, klare Linien, und dann diese fünf-fünf-fünf...Diese Bahn ist kein Kompromiss! Das Band lockt in eine unbestimmte Ferne, es verheißt befreiende Weite. Ich spürte es wieder...!
Und die Raffinerie Wesseling bei Nacht, im geisterhaftem Neonlicht: Menschenleer, Türme aus Stahl, weiße Dämpfe gegen das schwarze Nichts des Himmels. Ich dachte zurück an die haushoch lodernden Gasflammen über weiter usbekischer Steppe. Wesseling bei Nacht, schon immer hatte es mich magisch angezogen ...wie das Licht die Motte. Katrins kleine Hand ruhte in ihrem Schoß ...ihr braunes langes Haar flatterte im warmen Sommerwind. Sie schlief.
In Bad Godesberg legten wir uns ein paar Stunden hin. Wir schauten noch bei einem Freund vorbei, dann begann der letzte Akt, zum Schrottplatz: Über die Reuterbrücke, ...scharf nach rechts, den Straßenbahnschienen entlang. Wir kreuzten die Poppelsdorfer Allee, kurz danach standen wir am Beethovenplatz und dann? Und dann, dann rollten wir langsam am Ernst-Moritz-Arndt Gymnasium vorbei. Ich zeigte Katrin meine alte Pauke ...tja, lang, lang ist es her ...! Die letzten Meter: Abbiegen in die Kaufmanstraße, auf den ,Knauber’ zu ...dahinter ein Schrottplatz. Nun war es egal, ob uns die Blaulicht-Greifer noch abfingen. Nach einigen Diskussionen durfte ich den Fiesta stehen lassen. Eine Reise ist vorüber. Nicht mehr, nicht weniger. Nur eine Reise. Wir nahmen die rot-weißen Kennzeichen ab, ein letzter Blick auf die weiße Fiesta-Kugel...
Hinter den Kassen des ‚Knaubers’ tranken wir einen guten Kaffee. Erst jetzt fiel mir auf, dass ich immer noch mein verschwitztes Unterhemd der russischen Streitkräfte anhatte. Ich beobachte, wie sich ungeduldige Kunden mit ihren erbärmlichen Erwerbungen an den Kassen zu einem Knäuel zusammenschoben und musste an die Mangelwirtschaft in Tadschikistan denken, an ‚Rachman Hitler’ und seine bizarre Truppe. Mütter ermahnten, Väter verboten lauthals...feiste Bälger plärrten. Ein Handy klingelt, sicher eine wichtige Nachricht ...lass mich doch auch mal hören! Ein Idiot braucht GPS, um seinen Weg durch die Welt zu finden. Jetzt fachsimpelt er gerade! Über der Kasse warb ein Plakat für einen unlösbaren Kleber. Den ...den sollte auch ich haben! Aber am schlimmsten: Irgendwo las ich das Wort ‚Sicherheit’, ...diese bedrohliche, lähmende Alltagsdroge! Das war nicht mehr unsere Freiheit ...nicht mehr unsere Welt! Ich blickte zu Katrin hinüber ...sie lächelte mir zu. Ihre zarten Finger waren fest um den warmen Pappbecher geschlossen, ihre Augen strahlten unergründlich. Sie lächelte wissend, sie lächelte stumm.
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