Auf verschlungenen Windungen - An der Ardèche, Frankreichs Grand Canon

Achtundzwanzig Kilometer fährt man auf verschlungenen Windungen. An der Ardèche, Frankreichs Grand Canon ist es so ein ganz bisschen anders als woanders

Als ich noch jung und schön war, heute bin ich nur noch...den Rest mögt ihr euch denken, also da verschlug mich ein Urlaub mit Freunden nach Frankreich, genauer gesagt nach Südfrankreich, westlich der Rhône. Dort mündet bei Pont St. Esprit ein Fluss in die große Rhône, der heißt Ardèche. Dieses Flüsschen ist 120 km lang, entspringt in den Cevennen, das ist ein Teil des Zentralmassivs. Wovon wir hier sprechen, das ist der interessanteste Teil der Ardèche, ihr Unterlauf. Doch lasst uns von vorne beginnen. Ein etwas altersschwaches Auto, ein neu gekauftes Schlauchboot, zwei Zelte, genügend Rotwein als Schlummertrunk, das was man sonst noch so braucht, wenn man zelten möchte, und drei Freunde machten sich auf den Weg. Damit es nicht zu langwierig wird, beginne ich in Pont St. Esprit, also an der Mündung. Wie man dahin kommt, könnt ihr euch selber auf einer Karte ansehen. Wir waren die Nacht durchgefahren, durch heftiges Schneegestöber am Genfersee, dann einen ganzen weiteren Tag auf Landstraßen durch die Provence, schließlich konnten wir uns ja abwechseln beim Fahren.

Es war eine Woche vor Ostern, fragt mich bloß nicht mehr nach dem Jahr! Irgendwann abends kamen wir, arm, müde aber glücklich, in Pont St. Esprit an. Die Läden hatten noch geöffnet. Woran ich mich erinnere, ist, dass wir die Bäckerei stürmten und wunderbar leckeres Baguette kauften, gleich mehrere, wir hatten einen Bärenhunger. Dann waren wir dumm. Eigentlich hätten wir in dem Ort bleiben sollen, aber nein, wir mussten ja bis ans Ziel. Das hieß Vallon Pont d' Arc, 30 Flusskilometer landeinwärts oder besser flussaufwärts. Ich war dran mit Fahren, jetzt war ich auch noch satt und doppelt müde. Ich kann euch aber beileibe nicht mehr sagen, ob ich zum Essen auch Rotwein getrunken habe, wenn ja, bitte nicht nachmachen - wenn ihr noch fahren müsst! Also dreißig Kilometer entlang der Gorges de l’ Ardèche. Gorges heißt Schlucht und so ist das auch gemeint. Die Straße führt an ihrem oberen Rand vorbei und von da geht es hinunter, bis zu 200 Metern tief. Uahhh! Schwindelfrei war ich ja noch nie so richtig! Wir Deppen fuhren da also im Dunkeln lang, meint: ich fuhr und die anderen vergnügten sich mit Rotwein.

Wenn die altersschwachen Scheinwerfer sich im Nichts verloren an den unzähligen Kurven, dann ging mir echt die Muffe. Ich wusste ja, was dahinter war, ich hatte es nur noch nicht gesehen. Nach einer gut endlosen Stunde ging es dann abwärts, nach Vallon Pont d' Arc. Ich glaube, das heißt so etwas wie Bogenbrücke. Es war jetzt tierisch spät, der Campingplatz lag in verschlafener Nachtruhe, und wir? Wir legten uns gleich gegenüber vom Campingplatz an den Rand eines Weinfeldes. Wahrscheinlich tranken wir, in unsere Schlafsäcke gehüllt, noch etwas von dem guten Rotwein, aber vielleicht schliefen wir auch direkt ein, wer weiß das nach so langer Zeit denn noch! Morgens waren wir pitschnass, die Schlafsäcke mit uns, aber, wir waren auch voller Tatendrang. Zuerst einmal haben wir uns brav beim Camping angemeldet und dann unseren Claim abgesteckt, die Zelte aufgebaut und dann nix wie ans Wasser.

Da, ein paar Meter oberhalb vom Campingplatz Vallon Pont d' Arc, es gibt etwas weiter entfernt noch einen Ort, der so heißt, macht die Ardèche eine von ihren gefühlten tausend Kurven. Am Beginn dieser Kurve, die gleichzeitig Zugang zum Wasser ist, überspannt eine natürliche Brücke den Fluss. Ein gewaltiger Bogen aus Kalkstein, durch den sich der Fluss irgendwann einmal hindurch gefressen hat. Da drunter hat sich der Fluss natürlich, also nicht künstlich, aufgestaut. Das Wasser ist tief und prima zum Schwimmen geeignet, bevor es nach der Flusskurve weiter rauscht. Ja, das ganze Gebirge besteht hier mehr oder weniger aus Kalkstein, das sieht man auch toll in den Tropfsteinhöhlen, die man in diesem Gebiet besichtigen kann. Eine gibt es, wenn man die Strecke zurück fährt, oben auf der Höhe gleich in der Nähe der Straße, sie ist nicht zu verfehlen. Grotte de la Madelleine heißt sie und der Weg dorthin zweigt auf etwa ein Drittel der Strecke ab.

Der untere Lauf der Ardèche, also die Gorges de l' Ardèche, beginnt an dem Felsentor. Weiter oberhalb, am Mittellauf ist der Fluss mehrfach durch Wehre abgesperrt. Da gibt es zwar auch Kanurutschen, aber so richtig ein Wildwasserfluss ist die Ardèche erst in ihrem Unterlauf. Der Wasserstand schwankt im Laufe des Jahres um mehrere Meter. Direkt nach der Schneeschmelze ist es sehr gefährlich auf dem Wasser und nur was für absolute Freaks. Zwischen Mai und Oktober können dann auch die Laienspieler aufs Wasser, selbst wir mit unserem Schlauchboot. Am Campingplatz kann man übrigens Kanus mieten. Etwas weiter zurück an der Straße gibt es noch einen zweiten Campingplatz, der etwas sonniger liegt, als der am Flusstor, heißt, glaube ich, Roubiné. Aber Google schlaut da auf, abseits gibt es noch einige Plätze.

Ich möchte euch das übliche Campingleben ersparen, das kennt ihr ja. Aber ein paar Sachen gibt es, die muss ich euch noch erzählen. Also der Pont d' Arc, 45 Meter ist er hoch, da kann man auch hinauflaufen und auch tun, was da ein paar Freaks taten. Sie waren Engländer, ein total verrückter Haufen und lauter Kerle, die da mit ihrem Landrover einfielen. Irgendwann im Laufe des Tages liefen die mit einem Stahlseil da hoch, befestigten es oben, befestigten es unten, so dass es über die Flussmitte durchhing und dann ließ sich einer nach dem anderen am Seil runterrutschen, an Haken, die man blitzschnell öffnen kann. Über dem Wasser haben sie das dann auch gemacht und klatschten lachend und lärmend ins Wasser. Einer von uns Dreien wollte nicht mit, also fuhren wir zu zweit los, mit dem Schlauchboot. Dann musste der Dritte uns halt wieder abholen. Erst mal pumpten wir unser Großes Gelbes auf, drei Meter lang und, na ja, so einsfünfzig breit und mit zwei Paddeln versehen. Dann stachen wir in Fluss, belächelt von den Kanufahrern, aber voll guten Mutes.

Die Ardèche hatte, obwohl es noch recht früh im Jahr war, nicht allzu viel Wasser und so war es auch nicht gefährlich für uns. Bald fingen uns die hunderte Meter hohen Felswände des Canons ein. Abseits der Strömung hatten sich breite Sand- und Kiesbänke abgelagert, oft voller Treibholz, das vom vergangenen Hochwasser hinterlassen wurde. Atemberaubend fielen die Klippen senkrecht ins Wasser, hier und da galt es dicke Felsbrocken zu umfahren, so, dass wir uns nicht das Boot aufrissen. Wir hatten uns vorher gar keine Gedanken gemacht, was wäre wenn! Man kommt an nur ganz wenigen Stellen in diesen Teil der Schlucht oder wieder hinaus. Das gilt auch für Wanderer, die wir hier und da am Ufer sahen. Entweder geht man ein Stück des Weges oder man muss wieder zurück, wenn man nicht die ganzen Kilometer machen möchte.

Bei Niedrigwasser ist eine Durchquerung des Flusses zu Fuß durchaus möglich. An solchen Engstellen, wo große Felsbrocken das Fahrwasser teilen, oder die Felswände zusammenrücken, da ist das Wasser natürlich viel schneller. Selbst bei dem niedrigen Wasserstand rauschte es als Stromschnelle dahin und wir bekamen ein leichtes Feeling, davon, wie es bei mehr, bei viel mehr Wasser wäre. Teilweise wuchsen kleine Bäume auf Felsvorsprüngen, als wollten sie der Natur ein wenig Platz abtrotzen. Dann wieder wurde das Wasser breit und flach, so flach, das wir aussteigen mussten, das Boot ein Stück weit tragen, aber die Kanuten auch, die uns so belächelten, die mussten auch laufen. Jetzt lächelten wir zurück. Nach den Stromschnellen beruhigte sich das Wasser sehr schnell wieder, verfiel fast in Schlaf, hätte man meinen können. Unsere Freunde mit den Kanus meinten, wir sollten doch lieber da ganz rechts oder links fahren, da wäre das Wasser doch viel ruhiger. Man, waren die gehässig, und die hielten uns auch noch für so doof, ins Totwasser zu fahren, diesen Wirbel nach den Stromschnellen, wo es in die entgegengesetzte Richtung geht.

Aber es gab Strecken, da konnten wir uns in aller Ruhe der Landschaft und unserem eintönigen Paddeln widmen. Manchmal hunderte Meter hatten wir das Gefühl, dass es überhaupt keine Strömung gab. Der Fluss mäanderte dann von einer Felswand zur gegenüber liegenden, manchmal geradewegs zurück in die Richtung, aus der wir kamen. Da hatten es die Kanufahrer natürlich leichter mit ihren schnittigen Einbäumen. Ich hatte mir angewöhnt, vorne im Boot auf den Knien zu liegen, dann ließ sich das Boot besser dirigieren, als wenn man seitlich auf einem der Wülste saß. Fragt mich bloß nicht, was meine Knie dazu meinten! Ganze achtundzwanzig Kilometer lang ging das so, ich glaube, wir wussten vorher gar nicht, wie lang das ist, achtundzwanzig Kilometer und kein Ende. Das musste ich jetzt einfach ausschreiben, damit ihr überhaupt eine Vorstellung davon habt! Nun, auch das ging irgendwann zu Ende, nach, ich glaube, fast fünf Stunden. Das letzte lange Paddelstück bis Saint Martin d' Ardèche, da, wo der Fluss aus den Felsen wieder hinaustritt, brachten wir hinter uns. Ich fiel mehr aus dem Boot, als ich ging, die Beine versagten einfach ihren Dienst, natürlich fiel ich ins Wasser, aber nass war ich auch vorher schon. Meinem Mitpaddeler ging es aber auch nicht anders als mir.

Klar, wir hatten keine Klamotten zum Wechseln dabei, aber was soll's! Unser Dritter im Bunde tauchte nach wenigen Minuten auch schon auf, hatte uns von oben, wo immer es ging, mit dem Fernglas verfolgt und wir konnten, nachdem wir Luft abgelassen hatten, zurückfahren zum Pont d' Arc. Aus dem Boot, was denkt ihr denn? Jetzt konnte ich auch die Fahrt genießen, die Corniche hoch, wie man die Strecke nennt, das heißt soviel wie Felsvorsprung oder Überhang. Der beste Ausdruck für eine Straße, die oft hart vorbei am Abgrund ohne Leitplanken, oder mit zu wenigen, verläuft. Obwohl, so oft hätte ich mir auf der Herfahrt gar nicht in die Hose machen müssen. Was ich in der Dunkelheit für gähnenden Abgrund gehalten hatte, war oft ganz harmlos, aber auch nur oft. Wir blieben noch ein paar Tage am Pont d' Arc und genossen die sommerlich warme Sonne kurz vor Ostern. Das ist nun schon ein paar Jahrzehnte her und es macht immer noch Spaß, daran zurück zu denken. Es lohnt sich, fahrt ruhig mal hin, aber lasst das Schlauchboot zu Hause, die lachen euch da aus.

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Autor: voyager  24.11.2010 |  Beitrag hilfreich? Ja | Nein

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