Berlin Friedrichshain - My love
Der Berliner Stadtteil zwischen Prenzlauer Berg und Kreuzberg: Friedrichshain ist Szene und dabei weder versnobt noch heruntergekommen. Hier findet jeder was er sucht, abseits von touristenüberfülltem Sightseeing.
F'hain, eingeklemmt zwischen Prenzl'berg und X-Berg. Die Berliner Abkürzungswut treibt manchmal schon bizarre Blüten, sollte uns hier aber nicht weiter irritieren. Wem der Prenzlauer Berg mittlerweile zu Bioladen-Versnobt und Kinderwagen-Verstellt ist, wem der Junkieruf des Kottbusser Tors schlaflose Nächte bereitet, der sollte sich am Alexanderplatz mal in die U5 setzen und vier Stationen fahren, bis zum Frankfurter Tor. Denn von hier aus kann man alles haben, was man an Berlin lieben muss, wenn man mit Siegessäule, Brandenburger Tor, Potsdamer Platz, Fernsehturm und Nikolaiviertel fertig ist.
Sprich: einen hübschen Kiez samt uriger Kneipen, einen schönen Park, Clubs aller Couleur, ein Plätzchen an der Spree und den ganz speziellen Berliner Vibe. All das kann Friedrichshain. Am Frankfurter Tor steht ihr auf halber Höhe des großen sowjetischen Prachtboulevard Berlins, zum Alex zurück führt die Karl-Marx-Allee, weiter nach Osten dann die Frankfurter. Realsozialistische Prunkbauten, die in die eine Richtung einen hochglanzpolierten, in die andere einen langsam verfallenden Charme haben.
Nach Süden geht es die Warschauer Straße runter bis zur historischen Oberbaumbrücke nach Kreuzberg, über die Spree, auf der jedes Jahr die legendäre Essensschlacht F'hain vs. X-Berg stattfindet. Im Sommer kann man direkt daneben hinter der just wieder instand gesetzten East-Side-Gallery am Wasser in der Sonne sitzen, dem bemalten und eine Besichtigung mehr als lohnenden Rest innerdeutscher Grenzmauer. Von der Warschauer geht die Boxhagener Straße ab, die zum Herzen Friedrichshains führt, dem Simon-Dach-Kiez und dem Boxhagener Platz. Hier reiht sich ein Café ans nächste, für jeden Geschmack ist was dabei. Wer es gediegen-urban mag, trifft sich in der Astrobar, wer zu schroffen Gitarrenriffs den Queue schwingen möchte, dem sei Paule's Metal-Eck ans Herz gelegt, und auch dazwischen ist alles möglich.
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Auf dem Boxhagener Platz findet Sonntags einer der besseren Berliner Flohmärkte statt, außerdem gibt's hier laut dem Zitty Stadtmagazin (und auch nach der Erfahrung des Autors) die großartigsten Hamburger-Kreationen Großberlins, nämlich im Burgeramt / Frühstücksclub. Neben bodenständigen Barbecue-Fleischexzessen gibt es auch Exotisches (bspw. mit Mango oder Avocadocreme) und Vegetarisches - lohnt sich! Wer in Berlin zu McD geht, ist sowieso selber schuld. Und wem das jetzt alles ein bisschen zu beschaulich ist: in der Nacht zum ersten Mai finden hier außerdem traditionell die Ausschreitungen linker Autonomer statt. Das kann man als Anreiz oder als Warnung lesen, je nach persönlichem Verhältnis zu fliegenden Pflastersteinen.
Im Norden findet sich schließlich der vor allem im Sommer immer einen Besuch lohnende Volkspark Friedrichshain. Ein verwinkeltes Fleckchen mit Teichen, Hügeln, verschlungenen Pfaden, Sportstrecken, Volleyballfeldern und viel viel Platz zum Grillen und Biertrinken (was von April bis Oktober auch scheinbar rund um die Uhr jemand macht). Außerdem kann man gemütlich in der Sonne sitzen und Leuten beim Seiltanzen, Jonglieren und sonstige Artistik Üben zuschauen oder direkt mitmachen.
Auch das Nachtleben kommt in diesem, meinem Berliner Lieblingskiez, Friedrichshain nicht zu kurz, Clubs gibt es hier für jeden Geschmack, vor allem die Revaler und ihre Parallelstraßen sind diesbezüglich sehr gut bestückt mit RAW-Tempel, Cassiopeia (vor allem elektronische und Reggae/Funk-Spielarten), Rosi's und Lovelite (für die Indie-Front). Und irgendwo abseits vom regen Kiezleben, in einem bedrohlich im Nichts trohnenden ehemaligen Fabrikgebäude, ist dann ja auch noch das sagenumwitterte, wiederholt zum besten Technoclub Europas gekührte Berghain, wo man von Freitagnacht bis Sonntagnachmittag durchgehend seine Synapsen akustisch wie chemisch auf Trab bringen kann, wenn man zu der Sorte Mensch gehört, der sowas Spaß macht und die in Berlin ohnehin allerbestens aufgehoben ist.
Summa summarum: wer in Friedrichshain nichts findet, was ihn reizt, muss entweder äußerst hartgesotten oder stubenhockender Agoraphobiker sein. Denn es gibt noch eine Menge, was hier keine Erwähnung gefunden hat, seien es Antiquariate, in denen man tolle Ausgaben für 'nen lumpigen Euro findet (Café Tasso, Frankfurter Allee) oder gebrauchte Schallplatten oder, oder, oder. Wer Berlin noch nicht kennt und einen Tag Zeit nach dem Sightseeing-Programm hat, sollte in jedem Fall einen Abstecher in diesen lebendigen Kiez Friedrichshain wagen.
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