Caño Negro - Ein Paradies zu Wasser
Selten haben wir etwas Schöneres gesehen als dieses Paradies zu Wasser, den Caño Negro im Nordosten Costa Ricas. Diese Wasserwelt zeigt uns eine einzigartige Fülle der Tierwelt.
Es ist der siebte Tag unserer Costa Rica Reise. Gerade haben wir den sintflutartigen Regen in Upala hinter uns gelassen und befinden uns nun auf der Nr. 4, der Straße, die aus Costa Ricas höchstem Norden erst entlang der Grenze Nicaraguas und dann nach Süden bis kurz vor Guiápiles verläuft, um dort auf die Nr. 32 zu treffen. Doch bereits wenige Kilometer nach Upala treffen wir auf ein Örtchen namens ‚Colonia Puntarenas’. An der wahrscheinlich einzigen Kreuzung des Ortes geht es links ab nach Caño Negro.
Wer vorher liest ist nachher schlauer, also war es gut, dass uns im Reiseführer die „Kingfisher Lodge“ in Caño Negro ins Auge gefallen war. An der Kreuzung ist das Schild nicht zu übersehen. Was uns erwartet ist Schotterpiste, 19 Kilometer lang, 19 Kilometer hart. Die oft runden Kiesel festgebacken im Untergrund. Es schüttelt Auto wie auch Insassen permanent durch. Wer langsam fährt, verliert, dann ist es noch schlimmer, also irgendwas zwischen 40 und 60 Stundenkilometer und die rechten Reifen ganz weit außen, dann gibt es wenigstens auf einer Seite keine Kiesel, nur Pfützen. Wie tief die sind, weiß man allerdings vorher nicht! Kleine Siedlungen passieren wir, rechts und links der Piste stehen Wassertümpel in den Wiesen, gelegentlich, ordentlich in Reihen, auch Ananasfelder. Nach einer gefühlten Ewigkeit fahren wir unter hohen Bäumen und sind endlich in Caño Negro.
Die Häuser des Ortes liegen verstreut unter Bäumen und auf Wiesen bis dicht heran ans Wasser. Die meisten Unterkünfte unseres Reiseführers erweisen sich entweder als zu teuer ("Hotel del Campo", 100 $), oder nach unseren Maßstäben als nicht bewohnbar ("Albuerge und Camping Caño Negro", primitive Stelzenhäuser). So bleiben wir bei Antonio in der Kingfisher Logde und da er am nächsten Morgen um halb sieben auch unser Bootsführer und Guide sein wird, bekommen wir Unterkunft und eine 2-Stunden-Tour für 70 $; damit können wir leben. Schlafen, was ist das ist in dieser Nacht? Irgendwo erfüllen die Fliegengitter nicht den ihnen zugedachten Zweck, es schwirrt und krabbelt. Als um halb fünf dann draußen noch ein Hund bellt, ist es um die Nachtruhe geschehen. Zumal die Sonne schon ihre Vorboten ins Zimmer schickt.
So sind wir schon vor unserer Zeit bei Antonio, der wahrscheinlich immer lacht, immer freundlich ist. Es geht zum Bootsanleger, nur 100 Meter von Antonios Bungalow entfernt. Zum ersten Mal sehen wir die gigantische Wasserfläche zu unseren Füßen, denn gestern war es schon dunkel. Eigentlich ist da nur ein Fluss, der ‚Rio Frio’, der hier bei Caño Negro auf einer Meereshöhe von nur 35 Metern träge dahin fließt. Mit Einsetzen der Regenzeit jedoch schwillt der Fluss mit seinen Nebenkanälen zu einem Paradies zu Wasser an. Das Wasser kann nicht mehr abfließen, bis zum Meer sind es immerhin noch rund 100 Kilometer. So entsteht eine gigantische Wasserfläche, in die wir nun per Boot eintauchen.
Die Sonne ist uns hold an diesem frühen Morgen, die Regenzeit fast zu Ende. Wie weit das Land überschwemmt ist, sehen wir an den Zaunpfählen und Sträuchern, die oft zig Meter weit innerhalb der Wasserfläche stehen. Doch weit mehr faszinieren uns hunderte von Wasservögeln, die mit ihren Stelzen über seichtem Grund stehen, auf Büschen und Bäumen aufsitzen oder elegant übers Wasser gleiten. Das alles gepaart mit einer wundervollen Ruhe, nur der kleine Motor unseres Bootes tuckert kaum hörbar hinter uns. Dass wir auf einem Fluss sind, ist fast nicht erkennbar; nur wenn man eine leichte Strömung an tief hängenden Ästen ausmacht, kann man es glauben. Iguana Iguana, ruft Antonio plötzlich aus. Auf einem der hohen Bäume am Rande des Wassers döst ein Grüner Leguan von beeindruckender Größe in der frühen Sonne. Deutlich erkennt man die grünschuppige Haut am Kopf und den imposanten Kamm auf seinem Rücken. Wenig später, auf einem schmalen Wiesenstreifen, liegt regungslos ein Kaiman. Nur seine Augen, die uns starr folgen, verraten seine Aufmerksamkeit.
Das ‚Refugio National de Vida Silvestre Caño Negro’ wie das Gebiet hier ausführlich heißt, ist das wichtigste Feuchtgebiet Costa Ricas und Wissenschaftler und Forscher aus aller Welt finden sich hier ein. In der Regenzeit schwillt die Wasserfläche an bis auf eine Größe von 800 Hektar. Es ist Zufluchtstätte für ungezählte Vögel und dies, obwohl das Gebiet offiziell zum Fischen und für die Landwirtschaftliche Nutzung freigegeben ist.
Die Bäume rücken jetzt näher zusammen, werden zu gewaltigen Urwaldriesen, auch die Strömung ist hier mehr auszumachen. Direkt über uns in einem riesigen Baum tummelt sich eine Horde Mantelbrüllaffen durchs Geäst. Obwohl es nicht leicht ist, vom schwankenden Boot Photos zu schießen, gelingt doch der eine oder andere Schnappschuss. Antonio dreht um, wir fürchten schon, dass unsere Zeit um ist, wir zurückfahren. Doch er dreht den Bug nach links in unbekanntes Gewässer. Da kann man doch nicht durchfahren! Antonio kann, über Äste, die unter Wasser den Kiel streifen, den Motor wirft er einen Moment hoch, bis wir das Hindernis überquert haben. Dichtestes Gebüsch um uns herum streift Boot und Besatzung. Wo will er denn nur hin?
Mit einem Mal tut sich vor uns wieder freies Wasser auf. Nach ein paar Metern erstirbt der Motor, lautlos treibt das Boot dahin, um dann ganz zum Stillstand zu kommen. So etwas ergreifend Schönes haben wir noch nicht gesehen. Vor uns, soweit wir sehen können, breitet sich eine unendlich erscheinende Wasserfläche aus. Keine Bewegung, kein Windhauch lässt den Spiegel erzittern, in dem sich die weißen Wolken, der blaue Himmel und Bäume und Sträucher am weit entfernten Rand des Sees wiederfinden. Ein Traumszenario, von dem wir uns gar nicht mehr lösen wollen.
Doch fünf Minuten später weckt uns der Motor aus unserem Traum. Unsere Zeit ist längst um und doch fährt Antonio noch immer weiter, ist noch nicht zufrieden mit dem, was er uns gezeigt hat. Auf einem trockenen Ast, der aus dem Wasser ragt, sitzt ein Anhinga Anhinga (Amerikanischer Schlangenhalsvogel) und breitet weit aufgefächert Schwanz und Flügel zum Trocknen aus. Ein imposanter Vertreter seiner Art, der große Ähnlichkeit mit den Kormoranen hat.
Fast bis zum Bauch stehen Pferde vor der alten Schule von Caño Negro im Wasser. Sie vertrauen wohl ganz auf Schnelligkeit und ihre Hufe, was Krokodile und Kaimane angeht. Endlich wissen wir, was uns Antonio noch zeigen wollte; es sind Tortugas, Schildkröten! Aufgereiht auf einem abgestorbenen Baumstamm sitzt gleich eine ganze Familie von Kleinen und Großen, die sich eine nach der anderen ins Wasser gleiten lassen, nachdem das Tuckern des Motors sie gestört hat.
Jetzt fährt Antonio zurück zur Anlegestelle; drei Stunden war er mit uns unterwegs. Wir alle sind zufrieden und glücklich. Ein wundervoller Morgen lässt uns aufbrechen zur Karibikküste. Den gleichen Schotterweg von gestern wieder zurück. Denn leider muss uns Antonio abraten, den Weg nach Los Chiles und zur Straße Nr. 35 zu nehmen. Wir müssten den Rio Frio durchqueren. Doch der führt viel zu viel Wasser. Wir sind froh, denn wir waren in einem Paradies zu Wasser in Costa Rica, wir waren im Caño Negro.
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