Das Anagagebirge - Heide, Lorbeer und Höhlendörfer, Teil 2
Eine Fahrt durch das Anagagebirge ist eine Fahrt ins Land von Heide, Lorbeer und Höhlendörfer. Teil 2 des Sightseeing-Trips bringt uns bis ans Ende der Welt nach Chamorga und ins von Wellen umtoste Taganana.
Ein treffender Name, da man hier auf dem Grat zwischen den Meeren wirklich einen Zaubertanz vollführt. Mal ist man direkt auf dem Grat, dann wieder hüben und wieder drüben, als könne man sich nicht entscheiden, wohin man denn nun tanzen möchte. Schaut man die Hänge hinunter, vor allem die auf der Südseite, so sieht man ein ständiges Wechselspiel von Farben, Vegetation und Felsen. Wo sich Feuchtigkeit niederschlägt ist es sattgrün und nur wenige Meter daneben ist die Erde staubtrocken und braun. Ab dem Flecken La Cumbrilla ändert sich das mit der freien Aussicht für eine Zeitlang wieder und der Wald hat uns zurück. Wenige Kilometer weiter verläuft die TF-12 rechts weiter, hinunter nach San Andres. Wir aber biegen links ab, möchten mal das Ende der Welt sehen und das liegt für uns in Chamorga. Dorthin führt uns die TF-123, es sind noch einmal gut und gerne 20 km und gefühlte tausend Kurven mehr. Wir spielen weiterhin das Spiel: Der mit der Straße tanzt. Mal hüben, mal drüben, die Blicke in Abgründen auf der Südseite und an hoch aufragenden Felsformationen auf der anderen. Und so wird die Straße auch bis kurz vor Chamorga heißen, Carretera del Bailadero.
Nach jeder Kurve, ja, fast nach jedem Meter bietet sich eine neue Perspektive. Bisher fuhren wir durchgehend auf einer Höhe von 800 Metern, mal 50 mehr, mal weniger. Dann fällt die Straße ab, das Meer sehen wir jetzt ebenso auf den beiden Seiten, wie auch voraus. Nur wenige Straßenwindungen vor Chamorga müssen wir durch einen kurzen Tunnel. Dann liegt Chamorga vor unseren Füßen. Einfach hineingezwängt in dieses enge Tal, dessen Flanken hunderte Meter aufsteigen, die Häuser kleben am Hang, an jeder Windung der Straße. Terrassen mit Feldfrüchten über dem Dorf und größere Felder im Talgrund produzieren mit der Hände harter Arbeit die tägliche Nahrung und darüber hinaus vielleicht noch ein paar Euro Einnahmen auf dem Markt. Am letzten Haus endet die Teerstraße, am letzten Haus von Chamorga endet die Zivilisation, am letzten Haus endet die Welt. So ein Blödsinn, höre ich euch sagen, aber für einen Moment könnten solche Gedanken kommen.
Von der Straße bleibt nur noch ein Feldweg, wenig später nur noch ein Saumpfad, ein Wanderweg, der hinunter führt zum Meer. Dort liegen einige Häuser, die nur über diesen Pfad zu erreichen sind oder per Boot von der Meeresseite. Eine Felsnase gab der abgeschiedenen Siedlung ihren Namen, Roque Bermejo. Ein Bootsanleger, ein Stückchen Strand und das Rauschen des Meeres sind hier tonangebend. Oberhalb der Küste verläuft der Wanderweg weiter hinauf zu einem Leuchtturm, dann parallel zur Küste im Hang, bevor er von 170 m Höhe von El Draguillo steil ansteigt auf 670 m, um dann in einem grünen Tal die letzten zwei, drei Kilometer abwärts nach Chamorga zurückzuführen. El Draguillo ist die letzte Siedlung, die man über einen befahrbaren Weg aus Taganana erreichen kann, doch davon etwas später. Die Länge des Gesamtweges wird zwischen zehn und dreizehn km angegeben, der Schwierigkeits- oder Mühseligkeitsgrad mit moderat bezeichnet. Woanders liest man, dass dieser Weg ein Killer sei. Ich bin ihn noch nicht gegangen, aber mit 670 m Aufstieg und ebensoviel Abstieg dürfte er kein Zuckerschlecken sein, nichtsdestotrotz aber äußerst vielseitig und mit grandiosen Ausblicken.
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Das Wandern lassen wir heute und fahren, nachdem wir ein wenig durch den funktionellen, aber schmucklosen Ort gelaufen sind - der Schmuck ist eigentlich die gewaltige Naturkulisse drumherum und der Kontrast zum Dorf - zurück auf der einzig möglichen Straße zum Abzweiger an der TF-12. Auf der Fahrt sehen wir die Berge, die wir durchfahren von der anderen Seite. Wir sind nicht weniger ergriffen, wie steil und markant die Felsformationen aufragen. Der TF-12 folgen wir rund zwei km abwärts in Richtung Santa Cruz, dann biegen wir links ab nach Taganana. Die Straße verläuft ein kleines Stück im Südhang durch den Wald, um dann in einem Tunnel zu verschwinden, der uns auf der Nordseite wieder ins Tageslicht entlässt. Genauso abgeschieden wie Chamorga liegt das 700-Seelen-Dorf tief unter uns, wir können es schon lange überblicken bevor uns die Windungen der Straße hinunter bringen. Doch Taganana ist anders, man kann noch weiter fahren zur Küste und während sich in Chamorga die meisten Häuser an einer Straße aufreihten, verteilen sich die Häuser in Taganana weit verstreut in den Hang und auf mehrere Bergrücken. Dazwischen liegen steile Felsabstürze und Feldterrassen und fast 200 Höhenmeter zwischen dem obersten und dem untersten Haus des Ortes.
Wenn man, wie wir, auf der TF-134 weiter fährt, landet man auf einer Küstenstraße unmittelbar am Meer - und wundert sich. Je nach Jahres- und Tageszeit und je nach Wetter stehen hier entlang der Straße zig Autos und Busse geparkt. Die Ziele der vielen Touristen und Einheimischen sind der weite Strand und eine Felsformation, die als Landspitze ins Meer hinausragt, über einen betonierten Weg erreicht man den Felsen und kann an der Südseite bis zu seiner Spitze laufen. Wenn die See aufgewühlt ist -und das ist sie hier im äußersten Nordwesten die meiste Zeit des Jahres - dann peitscht der Wind die Salzgischt über alles hinweg, was auf und an der Küstenstraße steht und was sich dort regt. Im Nu ist alles weiß vom Salz. Auf der Bergseite ist in einer längeren Reihe Häuser das Restaurant Casa Africa an die Felswand gepresst. Um die Mittagszeit ist es oft mehr als voll und man muss schon Glück haben, noch einen Sitzplatz zu bekommen. Doch ein Stück weiter die Straße entlang gibt es hinter der nächsten Kurve weitere Restaurants. Die Straße TF-134 führt noch weiter, hinauf nach Benijo und von dort als unbefestigter und meist auch ungesicherter Feldweg quer durch den Hang nach El Draguillo, das man ja auch von Chamorga zu Fuß erreichen kann, wie ich euch weiter oben berichtet habe.
Wir ziehen es vor, zurück zu fahren in die Berge und dort an einem lauschigen Plätzchen unser Picknick zu verspeisen, das wir uns eingepackt hatten. Noch einmal müssen wir all die Kurven und Serpentinen wieder zurück zur TF-12, die uns nun, nicht minder kurvenreich, endgültig hinunter nach San Andres ihr Geleit gibt. Je tiefer wir kommen, desto höher werden die Berge um uns herum, steile Hänge lassen wenig Platz und so wundert es nicht, dass es hier kaum Häuser, geschweige denn Dörfer gibt. Erst in San Andres holt uns die Geschäftigkeit wieder ein. Nordöstlich von San Andres liegt der Teresitas-Strand, mehr als einen Kilometer lang und mit weißem Sand aus der Sahara angelegt. Ja, den hat man mit Schiffen aus der Sahara nach San Andres gebracht und heute ist nicht der 1. April! Die Straße verläuft oberhalb des Strandes durch die Klippen, die steil hinunter fallen, noch einige Kilometer weiter bis Lomito del Llano und endet als Stichstraße im östlichen Hang des Anagagebirges. Dann gibt es nur noch Wanderwege in fast unberührter Natur. Wir aber lassen in einem Eiscafé in San Andres den Tag im Anagagebirge noch einmal Revue passieren. Sicher werden wir zurückkommen, noch lange haben wir nicht alles gesehen und die tolle Landschaft hat uns Lust aufs Wandern gemacht.
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