Das Nationalmonument Guayabo bei Turrialba in Costa Rica

Das Nationalmonument Guayabo bei Turrialba in Costa Rica zeugt von der hohen Baukunst einer vergangenen Hochkultur. Sie bauten sogar eine kilometerlange geschlossene Wasserleitung durch den Regenwald.

So sollen die Hütten auf den Hügeln gestanden haben.

Es ist ein schöner karibischer Morgen, die Sonne lacht vom Himmel und leider haben wir unsere Habseligkeiten packen müssen, denn es geht weiter Richtung Pazifikküste. Doch erst einmal gönnen wir uns noch einen Kaffee bei unseren Vermietern Juana und Rolf, bevor wir dann wirklich losfahren. Nachdem sich das schon in die Länge gezogen hat, gibt meine Frau dann noch eine Idee preis: wir könnten doch mal richtig frühstücken gehen! Grundsätzlich muss man ja dagegen nichts haben, aber es ist schon neun und wir wollten doch weiter... Also gehen wir frühstücken, unten am Meer im 'Pan Pay' mit Spiegeleiern und köstlichen Buttercroissants. Ein lustiger verschrobener Alter mit Robinson-Hut leistet uns noch Gesellschaft und lockt uns ein paar Dollar mit einigen Kartenspielertricks aus der Tasche. Nachdem die Zeiger schon über die Zehn gerückt sind, fahren wir dann endgültig los. Wieder vorbei an Limón bis nach Siquirres, wo die Straße Nummer zehn abzweigt, die quer durch die Berge führt. Unser nächstes erklärtes Ziel ist das Nationalmonument Guayabo, stolzes Kulturdenkmal Costa Ricas und seiner vorkolumbianischen Geschichte.

Zunächst windet sich die Straße auf 1.000 Meter empor, das Wetter wird immer schlechter und wir fahren fast nur noch in Regen und tief hängenden Wolken. Langsam geht es dann abwärts nach Turrialba, einer 40.000 Einwohner zählenden Universitätsstadt. Wir müssen auf der Strecke nach Guayabo durch die Stadt hindurch und sie macht einen guten Eindruck auf uns, zeigt sich sehr sauber, modern und aufgeräumt, das genaue Gegenteil von Alajuela. In der Nähe Turrialbas liegt der gleichnamige Vulkan, der erst 2010 mit rätselhaften Wolken weißen Pulvers nach 40 Jahren wieder ausbrach. Gleich neben ihm liegt der Irazú, Costa Ricas gefährlichster ruhender Vulkan. Unsere Straße führt uns durch die benachbarten Berge, dann über eine gut ausgebaute Schotterpiste, nach Guayabo, das sich am südöstlichen Abhang des Vulkans Turrialba befindet. Mit BIENVENIDO (Willkommen) grüßt uns ein Schild am Eingang des Geländes. Auf einer großen Schautafel verschaffen wir uns zuerst einmal einen Überblick über das Areal, das sich vor unseren Blicken verborgen hangabwärts im Wald befindet.

Eine der an dem Kassenhäuschen wartenden Rangerinnen kommt auf uns zu und bietet uns an, uns durch die Ausgrabungsstätte zu führen. Sehr freundlich und unaufdringlich ist sie und wir nehmen gerne ihr Angebot an. Deutlich zeigt ihr Gesicht die Züge der Ureinwohner Costa Ricas. Mit ihrem gebrochenen Englisch und unserem mäßigen Spanisch schaffen wir eine Verständigungsbasis. Auf der anderen Straßenseite gibt es ein kleines Besucherzentrum. Dort erklärt und zeigt sie uns an einem Modell, wie der frühere Ort Guayabo strukturiert war. Das Modell zeigt Straßen, Plätze und kleinere und größere Hütten auf steingefassten Erdhügeln. In der Wirklichkeit zurück, nimmt uns unsere Führerin wieder mit ans Kassenhäuschen, wo wir das Eintrittsgeld von sechs Dollar entrichten. Ein schmaler Pfad durch den über uns aufragenden Regenwald bringt uns den Hang hinunter, bevor sich unseren Blicken eine Lichtung auftut. Wir stehen an einer der Straßen des alten Guayabo.

Von zirka 1000 vor bis 1400 nach Beginn der neuen Zeitrechnung war Guayabo von Menschen besiedelt. Rund 10.000 Menschen sollen dort innerhalb eines Stammesfürstentums gelebt haben. Das sondierte Gelände, Ende des 19. Jahrhunderts entdeckt, umfasst rund 217 ha, doch davon ist bisher nur ein kleiner Teil ausgegraben, schließlich hatten 500 Jahre lang die Pflanzen des Regenwaldes die Stadt ins Vergessen geraten lassen. Wer dort lebte, ist unbekannt, aber es muss sich um ein hoch entwickeltes Volk gehandelt haben, legt man ihre Bauten in Form von Straßen, Dämmen, Kanälen und anderem zu Grunde. Wir stehen also an der Straße, die, wahrscheinlich mehr Zeremonien als weltlichen Dingen dienend, rund sieben Meter breit ist und am Rande des Waldes mit einer Stufenanlage beginnt. Die Treppe ist flankiert von zwei erhabenen rechteckigen Plattformen. Von dort führt sie rund 100 Meter weit schnurgerade aufwärts zu einem sich weitenden Areal mit Erdhügeln, auf denen einst die Häuser standen. Die Straße wurde teilweise rekonstruiert, da die Wurzeln der Bäume und Erdbeben sie beschädigt hatten. Der Pfad, auf dem wir uns bewegen, folgt der Straße parallel, um dann an der linken Seite des Dorfes Aussicht auf die gesamte freigelegte Fläche zu bieten.

Erhaben sieht man die Reste von Mauern, die die Hügel einfassen, dazwischen Wege aus Pflaster und Rasenflächen. Stufen führen hinauf auf den größten Hügel, stand dort das Haus des Stammesfürsten? Ein offener Wassergraben verläuft zwischen den Hausplattformen. Der hintere Teil des Dorfes fällt höhenmäßig ab. An seinem Rand verläuft eine geschlossene Wasserleitung, die sich zu einem offenen Sedimentbecken öffnet, um dann wieder unter exakt verlegten Steinplatten zu verschwinden. Aus einer Entfernung von 1.200 Metern, so erklärt uns die Fremdenführerin, haben die früheren Bewohner diese geschlossene Wasserleitung von den Höhen des Turrialba bis in ihre Stadt gebaut. Es ist eine Meisterleistung, die sie nur mit ihrer Hände Kraft und dem Wissen früher Baumeister und Ingenieure vollbracht haben. Das Volk, das hier lebte, hatte keine Schrift, zumindest wurden keine entsprechenden Artefakte gefunden. Rätselhafte Petroglyphensteine jedoch ergeben bis heute keinen Sinn, es sei denn, man sieht sie als rein spirituell an. Die Zeichen, Spiralen, Schnörkel, Linien und Striche gleichen denen auf allen bewohnten Kontinenten der Erde. Auch auf Teneriffa und La Palma findet man Steine mit solchen Ritzzeichnungen.

Unsere Führung durch einen bedeutenden Teil der Geschichte Costa Ricas findet nun bald ihr Ende. Es ist beeindruckend, was die Völker vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende in der Lage waren zu leisten, lange bevor das Zeitalter der Motoren und Maschinen hereinbrach. Angesichts der Werke solcher Hochkulturen komme ich mir, im Sinne der heutigen Menschheit, immer sehr klein vor. Genau die Menschheit, die es nicht einmal fertig bringt, die ihr anvertraute Erde so zu erhalten, wie sie ihre Schönheit einst vorgefunden hat. Die Menschen Guayabos haben ihre Stadt im 15. Jahrhundert verlassen, sie verschwanden im Dunkel der Zeit. Gingen sie in anderen Kulturen auf, raffte vielleicht eine Seuche ihr Volk dahin? Wir wissen es nicht, der Schleier des Vergessens breitet sich über diese Zeit. Von der Rangerin erfahren wir noch, dass sie Studentin der Archäologie an der Universität von Turrialba ist und in ihrer Freizeit Menschen wie uns das Erbe ihrer Vorfahren näher bringt. Wir bedanken uns bei ihr mit einem großzügigen Trinkgeld, das sie sich redlich verdient hat und brechen auf nach Orosi, unserem nächsten Übernachtungsziel.

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Autor: voyager  16.11.2010 |  Beitrag hilfreich? Ja (1) | Nein

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