Die Transsibirische Eisenbahn - Von Moskau nach Wladiwostock

Die Transsibirische Eisenbahn ist weit mehr als ein gewöhnliches Fernverkehrsmittel- Mit ihr verbunden ist die Vorstellung einer Reise in das Russland der Biberfellmützen und der eisbedeckten Wildnis.


Es ist ein Ruckeln und es sind die grob konstruierten Schienenelemente der russischen Breitspurgleise, die es durch den Stahl der Getriebe bis in meine Kabine dringen lassen. Aufgrund der immensen Temperaturschwankungen in den Winter- und Sommermonaten klaffen zwischen den Gleisstücken des über 9.000 km langen Schienenkonstrukts bis zu sechs Zentimeter breite Lücken. Lücken, die auf der winzigen Toilette ebenso deutlich fühlbar sind wie auf den gut gepolsterten Sitzen des gediegenen Bordrestaurants.

Ein Ruckeln ist es in den hektischen Momenten des Eincheckens, wenn ich meine Koffer unter den Sitzen verstaue und meine Habseligkeiten in die Ordnung zu bringen versuche, in der ich mich bisher immer wohl gefühlt habe, die mir aber spätestens jetzt, mit ihrer neuen Art, mir um die Ohren und in der engen Kabine an die Wände zu fliegen, befremdlich vorkommt. Es ist ein Ruckeln, wenn ich mein Teeglas das erste Mal auf dem schmalen Fenstersims abstelle und im nächsten Moment ob des heissen Übergusses schmerzhaft mit dem Kopf an die Decke des Hochbettes fahre.

Ein Ruckeln ist es, wenn ich aus meiner Kabinentür in den schmalen Gang trete, der durch das ganze Abteil führt und alle Kabinen miteinander verbindet, mich an einem üppig behaarten Mann in Sporthose und Unterhemd vorbeischiebe und bei dem Versuch nähere Bekanntschaft mit der Symbiose, die das Kölnisch Wasser mit seinem Schweiß eingegangen ist, mache, als mir lieb ist.

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Ein Ruckeln ist es für mich, den westeuropäischen Ausländer, der Lust verspürt, etwas Fremdartiges zu erleben; Der deswegen seine nassen Strümpfe, wie es sein kasachischer Bettnachbar tut, zum Trocknen an den Türrahmen hängt, wo sie ihm beim Eintritt in die Stube wie eine Girlande um die Stirn streichen; Der deswegen eine Reise nach Wladiwostock antritt, an die Zehenspitze der Welt, wo die alles striegelnde und schniegelnde Pediküre der westlichen Gleichheit nur ganz selten mal, und wenn, dann nur in unbeholfenen Handbewegungen, vorbeischrammt.

Ein Ruckeln ist es sicherlich, vom Standpunkt des an glatte Abläufe gewöhnten Cocktail-Touristen. Nicht gesagt, dass ich ungerne an kühlen Getränken nippe! Es bedarf vielleicht nicht einmal der Fähigkeit, Schönheit, oder sei es auch nur die Vertrautheit, die uns an den Dingen gefällt, in ihrer Beweglichkeit und Vielfalt zu verstehen, um sie in einem neuen, uns fremden kulturellen Kostüm wieder zu erkennen und sich ihr nähern zu können. Meistens reicht schon eine freundliche Stirn, die man dem Fremden und Andersartigen hinhält, um für die Faszination seiner Eigenheiten empfänglich zu sein. Und die Stirn ist es, deren Falten sich gewiss dann glätten, wenn mit großem Brausen der Waggon mit dem roten Schriftzug auf dunkelblauem Untergrund: Moskau-Wladiwostock vor ihr zu stehen kommt und die einladend uniformierten Schaffner mit verschlafenen Minen aus den schmalen, Abenteuer verheissenden, Türen treten.

Es wird wohl ein Ruckeln sein- Wenn man seiner Wahrnehmung trauen mag.Doch bereits während der ersten Nacht auf Fahrt mit der sagenumwobendsten und wichtigsten Magistrale der Russischen Eisenbahngesellschaft, stelle ich fest, dass ich ohne die regelmäßigen, monotonen Schwingungen kaum mehr ein Auge zu kriege. Schwingungen, die nach Ablauf weniger Stunden dem Empfinden nach der Gleichmäßigkeit einer Wiege viel ähnlicher scheinen als den regelmäßigen Unebenheiten im Schienengerüst des sibirischen Hinterlandes. Immer wenn das Ächzen in den Triebwerken einen Stopp verheisst, irgendwo auf der Strecke zwischen Moskau und Novosibirsk, irgendwo in der russischen Steppe, an einem Ort, dessen Namen ich meistens nicht aussprechen kann, wenn der lange Katamaran aus Stahl zum Stehen kommt, erwarte ich bereits mit Ungeduld das Einsetzen der mir so heimlich vertraut gewordenen Gleisenschläge.

Dann lausche ich den aufgeregten Rufen der einheimischen Frauen, die an den Waggons entlanglaufen, gebratene Teigtaschen, Obst, Sonnenblumenkerne durch die offenen Fenster reichen und ein paar knisternde Rubel dafür in Empfang nehmen. Ich beobachte die zahllosen Arme, die wie Grillenbeine aus den Fensterschächten schnappen und strecke selbst einen aus, um etwas hausgemachten Proviant für die Stunden bis zur nächsten Station zu sammeln, sei es auch nur, um am Ende meiner Reise zu jedem Ort einen landestypischen Geschmack in Erinnerung behalten zu können; Einen Querschnitt der russischen Volkskost.

Und unter meiner groben Wolldecke, durch ein schlichtes weißes Laken unterlegt, gebe ich mich nach Abfahrt befriedigt der dezenten Gleichmäßigkeit hin, mit der dieses starrbrüstige Gespann so bestimmt und doch so behutsam vorwärts, durch die ungestüme Landschaft galoppiert. Sicher, es ist nicht nur ihr Rhythmus, der das Reisen mit der Transsibirischen Eisenbahn so eigen und auf östliche Weise komfortabel macht. Es ist die Wärme und die Gemütlichkeit, die meine beschauliche Kabine und die freundlichen Menschen in ihr ausstrahlen, die mich das zu kleine Klo und die häufig überdrehte Heizung in dem Abteil vergessen lassen und einstimmen auf das Ziel meiner Reise: Ein Land, historisch so eng mit meinem verwoben und doch in seiner Erscheinung so bizarr und mir oft so fremd. Ein Land, so starr und gediegen in seiner Masse und doch so forsch voranschreitend - wie seine Eisenbahn.

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Autor: Arndt Schaumung  16.12.2010 |  Beitrag hilfreich? Ja (1) | Nein

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