Ein heiliger Berg in China – Die Besteigung des Emei Shan
Die Besteigung des Emei Shan ist anstrengend aber lohnenswert. Hier gibt es atemberaubende Tempelanlagen, Ausblicke und ein kleines Stück altes China zu entdecken.
Ich bin allein unterwegs. Also einfach einen Bus nehmen und los! Mit Beteuerungen einiger chinesischer Freunde, dass dieser Berg locker in zwei Tagen Fußmarsch von ganz unten nach ganz oben zu schaffen ist und das man Leute auf dem Weg trifft, bin ich aus Chengdu, der Hauptstadt der chinesischen Provinz Sichuan, aufgebrochen. Will man den Emei Shan auf dem traditionellen Pilgerweg besteigen bedeutet das: Stufen. Es sind zum größten Teil Treppen die einen von unten, auf den fast 3.100 Meter hohen Gipfel bringen. Ein UNESCO-Welterbe mit sieben verschiedenen buddhistischen und taoistischen Klöstern und Tempeln bedeckt. Am Anfang des Weges ist das zwar anstrengend, wegen der sagenhaften Natur und der wunderschönen und leeren Tempel aber zu ertragen. Beine, Knie, Hüfte, Rücken – nach einigen Stunden permanenter Treppen will der Körper dann nicht mehr. Ich habe Menschen getroffen – am Anfang meines Weges, in den Tempeln und am Ende - dazwischen niemand, nur ich ein paar Affen und die Höhe. Zur Bestätigung: Es lohnt sich den Emei Shan zu besteigen, auch wenn es anstrengend ist.
Ich bin morgens um halb sechs aufgestanden und mit leichtem Gepäck zur zentral gelegenen Busstation Xinnanmen Qichechang in Chengdu gegangen, habe den Bus nach Emei Shan-Town (Kosten etwa 35 Yuan) genommen und von dort ein Taxi zum Fuß des Berges. Es ist empfehlenswert den Taxifahrer darauf hin zuweisen das Taxometer anzustellen, in China meist unproblematisch und oftmals günstiger als ausgehandelte Fahrpreise.
Nach kurzem Frühstück und ein paar Verpflegungseinkäufen ging es dann gegen 10.00 Uhr los. Ich habe Eintritt bezahlt (etwa 150 Yuan/ mit Studenten Ausweis kostet es nur die Hälfte, es lohnt sich in China diesen immer dabei zu haben), mir eine „Wanderkarte“ gekauft und mir meinen Zieltempel für die Nacht einzeichnen lassen. Gegen 14 Uhr und unzählige Treppenstufen später, hatte ich laut Karte bereits die Hälfte der ersten Etappe hinter mich gebracht. „Das geht ja ganz gut. Ist zwar anstrengend aber zu bewältigen“, dachte ich. Ein wenig später stellte ich fest, dass die gekaufte Karte es mit dem Maßstab und den angegebenen Entfernungen nicht allzu genau nimmt, außerdem sollte man nicht unterschätzen wie müde Beine und Körper werden können.
Die Natur hat mich aber noch fasziniert und lies Treppen, Treppen sein. Einfach hochsteigen und weiter gucken. Komisch wurde es erst nachdem ich den letzten großen Tempel hinter mir gelassen hatte. Im Gegensatz zu den vorherigen Tempeln war dieser von vielen chinesischen Touristen besucht. Bis hierhin konnte man ja schließlich mit einem Bus hinauf fahren und dann in eine Seilbahn umsteigen, die einen auf die Spitze des Berges bringt. Vor mir lagen nun nur noch einige kleinere Tempel, weitere unzählige Treppenstufen und zuletzt mein Zieltempel für diese Nacht.
Gegen 19 Uhr wurde es dann langsam dunkel. Ein wunderschöner Sonnenuntergang über den Wolken im Tal, ein toller Wald, viel Bambus, leichte Nebelschwaden und einige Rhesusaffen, faszinierende Tempel und absolut niemand um mich herum. Nicht in Sicht- und auch nicht in Rufweite. Nach acht Stunden Treppensteigen, einsetzender Dunkelheit und totaler körperlicher Erschöpfung machte sich bei mir ein seltsames Gefühl breit. Die Natur verlor langsam an Schönheit und man würde sofort jedes Verkehrsmittel nehmen was sich einem bietet. Es boten sich aber nur die eigenen Füße. „Wo sind denn die Träger, die noch vorhin korpulente Touristen auf Sänften die Treppen hochtrugen und denen ich mit peinlich berührten Blicken folgte?“ Nicht da. Also musste ich weiter laufen. Ohne Handy, die Sonne war weg und es wurde kalt. Meine Taschenlampe gab den Geist auf und die Stufen wurden vom aufziehenden Tau immer glitschiger. Am liebsten wäre ich umgedreht, das ging aber nicht – im Dunkeln lieber die Treppen rauf als runter. „Wenn ich hier stürze findet man mich frühestens morgen.“ Es blieb nur die Hoffnung, dass das gut geht. Es ging gut, so gut es ging.
Ich bin völlig erschöpft gegen 21.00 Uhr in meinem Zieltempel angekommen. Nach einigem Hin und Her haben die Mönche mir ein Bett in einem kleinen Zimmerchen zugeteilt. Danach habe ich mir in dem Aufenthaltsraum etwas Warmes zu essen besorgt und den Mönchen beim Beten zu gesehen und gehört. Die Anstrengungen am Emei Shan haben sich wirklich gelohnt! Es war wunderschön – im Tempel übernachten, mit den Mönchen und ihren Gesängen aufwachen und den Sonnenaufgang über den Wolken sehen. Einfach unglaublich!
Zum Gipfel blieben am nächsten Morgen, noch vier weitere Stunden Treppensteigen und Beine die sich anfühlten wie Blei. Auch auf diesem Weg gab es sehr schöne Ausblicke und eine „Affenfütterungszone“. Hier werden Essensbeutel verkauft, mit denen man jene Rhesusaffen füttern kann, die mir bereits einen Abend vorher eine penetrante Wegbegleitung waren. Es lohnt sich einen Bambusstock mit zu führen. Nicht nur um sich darauf abzustützen, sondern auch um die Affen von den eigenen Vorräten im Rucksack fernzuhalten. Der Gipfel des Emei Shan war schön, wenn auch ziemlich voll mit Touristen. Viele fahren auf diesen heiligen Berg und besuchen daher nur die größeren Tempel an den Seilbahn- und Busstationen. Es bleibt der unvergessliche Eindruck der Wälder, Berge und Tempel.
Meine Tipps: Laufen lohnt sich - aber die richtige Zeiteinteilung ist wichtig! Die Wege sind zwar mit den Treppen gut ausgebaut, man sollte dennoch an festes Schuhwerk und eine gewisse Fitness verfügen. Besser mehr als weniger Zeit einplanen. Und ausreichend Bargeld mitnehmen, falls man doch eine Seilbahn oder einen Bus benötigt. Keine der von mir benutzten Karten hat die Distanzen und Maßstäbe richtig wiedergegeben. Immer Leute auf dem Weg fragen, wie lang es noch zum nächsten Tempel ist! Die Aussichten sind beeindruckend (wenn man Glück mit dem Wetter hat), die schönsten gab es meiner Meinung nach zwischen dem Qinyin Pavillion und dem sogenannten „Elephant Bathingpool“.
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