Ein Spaziergang durch Salzburg - Auf den Spuren Mozarts
In keiner anderen Stadt gibt es so viele Spuren des Musikers wie in Salzburg. Ein Spaziergang zu den Schauplätzen seines Lebens führt durch die zauberhafte Kulisse der Stadt.
Salzburg gilt zu Recht als die Mozartstadt schlechthin. Auf Schritt und Tritt begegnet dem Reisenden der geniale Musiker, sei es als Schauspieler beim Mozart Dinner Concert im Stiftskeller St. Peter, sei es auf den goldenen und silbernen Papierln, die die Mozartkugeln verschiedenster Anbieter umhüllen oder schon bei der Ankunft am Flughafen Salzburg - auch dieser ist nach dem berühmtesten Sohn der Stadt benannt. Und natürlich in den zwei Museen, die ihm gewidmet sind, bei den Oster- und Sommerfestspielen, im Namen der renommierten Musikhochschule Mozarteum, die Studenten aus aller Herren Länder anzieht und in deren Garten das Zauberflötenhäuschen besichtigt werden kann. Und warum beginnen wir nicht dort unseren Spaziergang auf den Spuren des großen Musikers, der schon als Kind besser komponierte als so mancher Erwachsener, der von seinem Vater Leopold auf Reisen durch ganz Europa gemeinsam mit seiner Schwester Nannerl als liebes Wunderkind vorgeführt wurde wie ein kleines Zirkusäffchen, der schließlich viel zu früh mit nur knapp 32 Jahren den bis heute rätselhaften Tod fand?
Vom Zauberflötenhäuschen über das Wohnhaus zu kulinarischen Genüssen
Der Reisende auf den Spuren dieses musikalischen Revoluzzers - nicht nur der Kaiser Franz I. fand damals, dass seine Stücke einfach "zu viele Noten" enthielten - kann auf der Neustadtseite östlich des Flusses Salzach zu beginnen, eben beim Garten des Zauberflötenhäuschens im Garten des Mozarteums. Hier im Bastionsgarten hinter der Schwarzstrasse steht das schlichte Holzhäuschen, in den laut einer Legende der Librettist Emanuel Schikaneder den widerspenstigen Musiker gesperrt haben soll, damit er doch die Zauberflöte dort fertig komponiere. Anderen Gschichtln nach soll Mozart sich mit seinen Musikern in dem unspektakulären Häuschen getroffen haben, um Teile seiner berühmten Oper einzustudieren. Ursprünglich stand dieses Haus natürlich in Wien, wo der Wolferl seine letzten Lebensjahre verbrachte, doch über Umwege kam die Hütte in den Besitz der Stiftung Mozarteum und in diesen Teil des Gartens, der eigentlich nahtlos in den Mirabellgarten übergeht, einen herrlichen Barockgarten, der zu allen Jahreszeiten sehenswert ist und von dem aus die meisten Postkartenmotive Salzburgs geschossen werden, da der Blick auf die malerische Altstadt mit Festung und den grünen und schwarzen Kuppeln der Kirchen einzigartig ist.
Von hier ist es nur ein Katzensprung zum Makartplatz, wo der Musikbegeisterte auf jeden Fall ins Mozartwohnhaus gehen wird, ein Museum, das sich exzellent dem musikalischen Werk und weniger dem Mythos des Menschen widmet. An dieser Stelle verbrachte die Familie Mozart die Jahre 1773 bis 1780, nachdem ihnen das Geburtshaus des Knaben in der Altstadt zu eng geworden war und der geschäftstüchtige Vater aus seinen Kindern ein lukratives Unternehmen gemacht hatte. Das damals als Tanzmeisterhaus bekannte Gebäude wurde leider während des Zweiten Weltkrieges zerstört, sodass nur noch wenig originale Bausubstanz vorhanden ist, jedoch wurde es liebevoll restauriert und der Besucher kann sich multimedial über die Reisen Mozarts, das Werk und die Beziehung zur Heimatstadt Salzburg informieren lassen. Wer danach erholungsbedürftig ist, kann sich im sehr angenehmen Café Classic im unteren Stockwerk bei einer Melange - einer Art österreichischer Cappucino mit Milchschaum - und einem Strudel stärken.
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Zauberhafte Stadtansicht vom Kapuzinerberg
Eine Sehenswürdigkeit, die selten Beachtung findet, aber auf jeden Fall lohnend ist, ist die Mozartbüste auf dem Kapuzinerberg. So ist sie auch die erste von drei, die wir auf unserem Rundgang entdecken werden, und welche die vielen Facetten klarmachen, die dem Genie von der Nachwelt verpasst wurden. Nach dem anstrengenden, aber kurzen Aufstieg von der Linzer Gasse sehen wir die strenge, unnahbare Büste eines klassischen Künstlers. Nichts lässt an den humorvollen, fröhlichen Freigeist denken, der aus Mozarts zahlreich erhaltenen Briefen spricht, es könnte ebensogut Beethoven oder Haydn sein, der hier geehrt wird, doch gerade die Darstellung durch die Generationen nach ihm, die voller Erstaunen, ja schon fast Entsetzen, ob dieses immensen Talents waren, ist eines der interessantesten Themen im Umgang mit Wolfgang Amadeus Mozart.
Schon der Name – getauft wurde der Sohn von Leopold und Anna Maria geborene Pertl im Salzburger Dom auf den Namen Johannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart und erst er selbst hat dann aus dem letzten, griechischen Theophilus einen romanisch-klangvollen Amadei werden lassen. Wäre er faszinierter von seinen germanischen Wurzeln gewesen, so wäre aus ihm einfach ein Gottlieb geworden – so nämlich ganz einfach die deutsche Übersetzung. Doch sind wir und die Werbung doch froh, dass es nicht so gekommen ist – eine Sportwelt Gottlieb ließe sich doch wahrlich schwieriger vermarkten als eine Sportwelt Amadei. Unter diesem Namen sind alle großen Salzburger Schigebiete zusammengefasst und lassen sich werbewirksam an den Winterurlauber bringen.
Doch genießen wir bei solchen Reflexionen den Blick vom Kapuzinerberg auf das malerische Salzburg, eine kleine Stadt mit nur knapp 150.000 Einwohnern, die eingebettet ist in Stadtberge, bekrönt von einer der majestätischen weißen Feste aus dem Mittelalter, durchzogen von einem Fluss, dessen Name genauso wie jener der Stadt auf den Salzhandel hindeutet, der die regierenden Fürsterzbischöfe reich gemacht hat und ihnen erlaubte, das Stadtbild mit Kuppeln und Schlössern zu zieren. Eine konservative Stadt bei aller Lebensfreude, die den autoritätsscheuen Mozart zu ersticken drohte. Aber für den Besucher ist die Enge und Überschaubarkeit ein Vorteil, sind doch alle wichtigen Sehenswürdigkeiten leicht zu Fuß zu erreichen und gibt es immer wieder schöne Fleckchen zum Entspannen und Verweilen.
So kann sich der eifrige Besucher nach dem Abstieg vom Kapuzinerberg noch zum Sebastiansfriedhof begeben, jenem italienisch geprägten Campo Santo, in dem Mozarts Witwe Konstanze und sein Vater Leopold begraben liegen. Die Grabsteine wurden zwar erst nachträglich errichtet, doch ist dieser zauberhafte Friedhof allemal einen Aufenthalt wert. In Auftrag gegeben hat ihn der skandalträchtige Renaissanceerzbischof Wolf Dietrich von Raitenau, der trotz seiner hohen kirchlichen Stellung über zehn Kinder mit seiner Geliebten Salome Alt hatte, und dem Prunk und Soldateskes besser zu Gesicht standen als christliche Bescheidenheit.
Malerische Friedhöfe und prachtvolle Kirchen
Vielleicht wäre Mozart mit ihm besser ausgekommen als mit Colloredo, jenem Erzbischof, dessen Kammerdiener ihn der Legende nach mit einem Fußtritt aus seiner Residenz warf. Sei’s wie’s sei, die Anstellung bei einem autoritären Fürsten, der ihn zwang, sich täglich bei ihm zum Rapport zu melden und der ihn mit den anderen „Dienstboten“ in der Küche speisen ließ, war so gar nicht nach dem Geschmack des Künstlers, der sich seines herausragenden Talents durchaus bewusst war.
Bevor wir nun auf die andere Seite des Flusses in die Altstadt Salzburgs wechseln, werfen wir noch einen Blick auf das Paracelsus-Denkmal im Sebastiansfriedhof und auf die Kapelle, die sich Wolf Dietrich von Raitenau hier hat errichten lassen. Auf einem schmalen Bänkchen kann der Besucher die vielfarbig schimmernden Fliesen der Decke auf sich wirken lassen, bevor er sich aufmacht zum Fluss und diesen stilgerecht über den Mozartsteg überquert, eine Eisenkonstruktion, die zur Erbauung Ende des 19. Jahrhunderts, der Epoche Eiffels und der Industriellen Revolution, viel wunderbarer erschien als heute, jedoch noch immer zu den geheimen Wahrzeichen zählt. Außerdem ist es praktisch, dass diese Fußgängerbrücke ganz stilgerecht fast direkt am Mozartplatz mit der ebenfalls posthum dort aufgestellten Statue mündet, einem der weitläufigen Plätze um den italienisch inspirierten Dom, die Salzburg ein schon fast mediterranes Flair verleihen.
Im Winter blickt ein ähnlich der Büste vom Kapuzinerberg streng dreinschauender Mozart hier auf die Kinder, die hier Schlittschuh laufen. Es wird bei lauter Musik fröhlich köstlichster Punsch getrunken und auch der Christkindlmarkt in der Adventzeit bezieht den Mozartplatz mit seinen Standln und Lichterketten mit ein. Im Sommer drängen sich hier die Touristen vor der Salzburg Info, der Touristeninformation, die neben Auskünften auch Tickets für Rundfahrten oder Konzerte anbietet. Wer abends noch Lust auf mehr Mozart hat, kann hier das Mozartdinnerconcert im Stiftskeller St. Peter buchen, bei dem die Musiker in Originalkostümen Werke des berühmtesten Salzburgers darbieten. Dazu gibt’s österreichische Schmankerl im ältesten Wirtshaus der Stadt, dem Peterskeller, dessen Geschichte eng mit dem Kloster St. Peter verbunden ist und der bis aufs Jahr 803 zurückgeht.
Und wenn wir schon einmal hier sind, können wir gleich noch das Grab der geliebten Schwester Nannerl besuchen, die hier im ältesten und malerischsten Friedhof der Stadt begraben liegt. Durch den pittoresk-verwachsenen Friedhof hinter dem Kloster St. Peter auf dem Weg zur Festung Hohensalzburg muss der Besucher bis zum Aufgang zu den sehenswerten, wenig besuchten Katakomben finden, um einen Blick auf die letzte Ruhestätte der Marianne zu werfen, die gemeinsam mit dem viel bewunderten Bruder die Tour d’Europe als Wunderkind gemacht hatte, allerdings niemals als eigenständige Künstlerin in Erscheinung trat, dafür den kleinen Bruder um ganze 37 Jahre überlebte.
Neben der ihr gewidmeten Plakette noch eine weitere Gedenktafel gewidmet einem Bruder, der immer im Schatten des Geschwisters stand – Michael Haydn, der ab 1762 in Salzburg als Domorganist und Konzertmeister tätig war und von dem die ersten Kompositionen für Männerchöre stammen. Sein Bruder, Joseph, ist heute außerhalb Salzburgs wohl eher der einzige Haydn, der nicht ganz so Musikinteressierten ein Begriff ist, gilt er doch als einer der größten Vertreter der Wiener Klassik.
Wer heute noch „Fußschmalz“ – also „Kraft in den Beinen“ hat – der sollte unbedingt den 1 Euro Eintritt für den Besuch der Katakomben entrichten und zu den Höhlenkapellen hinaufsteigen, die hier an das weiche Konglomerat des Mönchsbergs gegraben wurden. Die Atmosphäre lässt an verfolgte Urchristen denken, an hingebungsvolle Eremiten, und man atmet schon fast schon befreit auf nach dem Prunk der barocken Kirchen der Altstadt.
Üppiges Barock und verwinkeltes Mittelalter
Die prunkvollste unter ihnen dürfen wir uns jedoch auch Mozarts zuliebe nicht entgehen lassen – der Salzburger Dom, der über zehntausend Besucher in seine kühle, klare Weite aufnehmen kann, ist die Taufkirche des Musikers und hier sollte man sich ein Orgelkonzert mit fantastischer Akustik nicht entgehen lassen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Und nur zwei Minuten von hier liegt auch der winzige Papagenoplatz, der mit seinen kleinen engen Gässchen im weitläufigen Salzburg ein bisschen Mittelalter verbreitet. Hier befindet sich auch eine – leicht zu übersehende – Bronzestatuette des Vogelfängers aus Mozarts Zauberflöte und hier gibt es mit dem Zirkelwirt mit seiner schönen Terrasse im Sommer einen ausgezeichneten Ort zum Entspannen bei einem Aperolspritz - einem Weißwein mit Soda und Aperolbitter.Italien ist hier nicht mehr weit, das spürt man, auch wenn dazu wunderbar deftige Kasnocken oder ein zünftiger Schweinsbraten wieder österreichisch-rustikal sind.
Von hier überqueren wir nochmals den Mozart- und dann den angrenzenden Residenzplatz zur unbestrittenen Hauptstraße der Stadt – der Getreidegasse. Während hier im Mittelalter das Gedränge aufgrund der sich hier befindlichen Getreidewaage groß war, so schieben sich heute Touristen und Einkaufswütige durch die schmale Straße, die berühmt ist für die mittelalterlichen Zunftzeichen. Selbst bekannte Fastfoodketten haben sich hier ans Stadtbild angepasst und sich ein passendes Schild machen lassen.
Und neben Kommerz und Designerläden finden wir hier noch das zweite Mozartmuseum – im Jänner des Jahres 1756 wurde der kleine Mozart hier in einer engen Mietwohnung in der Getreidegasse 9 geboren, eine Gasse, die man sich vor Schmutz starrend vorstellen muss ob des Unrats, der einfach mit dem Ruf „Acqua va“ - "Hier kommt das Wasser" - aus dem Fenster geworfen wurde und der marodierenden Schweinen als Nahrung diente. Nur mit hohen Schuhen konnte man sich so einigermaßen bewegen, und ohne den Almkanal, der einmal wöchentlich durch die Stadt gelenkt wurde, hätten Seuchen noch viel schlimmer gewütet als es ohnehin wie überall zu dieser Zeit der Fall war. Wer sich für die Wohnverhältnisse der damaligen Ära interessiert, dem sei ein Besuch des Hauses empfohlen, das faszinierende Einblicke gibt, außerdem persönliche Gegenstände aus dem Besitz der Familie zeigt und ein bisschen persönlicher wirkt als das didaktisch vielleicht ansprechendere Mozartwohnhaus am Makartplatz.
Wiener Kaffeehauscharme im lieblichen Salzburg
Nach all den Erkundungen hat sich der Wissensdurstige nochmals einen kleinen kulinarischen Stop verdient – am Alten Markt gibt es gleich zwei stimmige Kaffeehäuser zur Auswahl: das Tomaselli gibt es bereits seit 1705, und Mozart ist hier gerne eingekehrt für eine Tasse Kaffee oder vielleicht doch lieber eine dickflüssige heiße Schokolade oder ein Speiseeis. Einzigartig wienerisch-dekadent, ein wenig verstaubt, aber doch gerade deshalb so gemütlich, mit seinen befrackten Obern und dem gaumenwässernden Angebot an Kuchen und Torten auf jeden Fall eine Pause wert. Nicht minder kommod und sogar noch ein wenig plüschiger ist das Café Fürst gleich gegenüber, das zwar nie Mozart persönlich zu Gast hatte, aber dafür mit der Erfindung der Original Salzburger Mozartkugel punkten kann. Vergessen sollte man alle goldenen Kugeln, original ist die Süßigkeit nur hier – handgemacht, gewickelt in silber-blaues Stanniol, und mit einem zartschmelzenden Kern aus Pistazienmarzipan und Nougat. Eine Sünde wert!
Und von hier noch rasch geradeaus weiter zu den Festspielhäusern, seit den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts Spielstätte für Opern und klassische Musik höchster Qualität. Jedes Jahr kommen Scharen von berühmten und weniger berühmten Gästen zu den Musikfestspielen im Sommer oder den von Karajan gegründeten Osterfestspielen – und seit einigen Jahren ist nun das Kleine Festspielhaus zu einem „Haus für Mozart“ umgebaut worden. Die Fassade des Musikspielhauses ist als Edelhotel im Actionfilm „Night and Day“ mit Cameron Diaz und Tom Cruise zu sehen, worauf viele Salzburger sehr stolz sind, waren doch die beiden Granden des Showbusiness für mehrere Tage in der Mozartstadt.
Eigentlich sollten die Salzburger ja an Stars gewöhnt sind, aber für Klatsch und Tratsch ist man natürlich auch hier immer zu haben – und mit einem der größten Skandale der Stadtgeschichte der letzten Jahre möchte ich unseren Spaziergang beschließen: Im Jahr 2005 hat der zeitgenössische Künstler Markus Lüpertz eine Hommage an Mozart auf dem Markusplatz im Stadtteil Mülln vor die altehrwürdige Fassade der Ursulinenkirche aufstellen lassen. Eine üppige Rubensfigur eindeutig weiblichen Geschlechts, mit nur einem Arm und darüber ein grell geschminktes clowneskes Gesicht mit knallroten Lippen und gelbem Mozartzopf – es war klar, dass die konservative Kulturelite aufschreien würde, war es doch schon zwei Jahre davor wegen der Plastik eines pinkelnden Mannes vor dem Festspielhaus zu massivem medialem Aufruhr gekommen.
Doch da steht sie nun, die modernste, ungewohnteste Interpretation Mozarts – eine sehr persönliche Auseinandersetzung des Künstlers Lüpertz mit der Person des musikalischen Götterkindes. So hat jeder seinen eigenen Mozart, jede Epoche, jeder Mensch – und vielleicht hat auch der Besucher ein bisserl Mozart für sich entdeckt? Oder wenigstens die Stadt, in der er nicht leben konnte, die ihn aber so sehr liebt, vielleicht ein wenig schätzen gelernt?
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