Las Vegas - Jenseits der Glitzerwelt
Für alle, die es nur aus dem Fernsehen kennen - Las Vegas hat mehr zu bieten als nur die Schein- und Glitzerwelt. Beeindruckende Berg- und Wüstenlandschaften mit karger Vegetation und endlose Weiten...
Inzwischen hat Las Vegas einhundertfünf Jahre auf dem Buckel, darum hört und liest man ja dieser Tage viel von der Glitzermetropole in der Wüste. Mehr denn je ist diese Stadt Zufluchtsort für Stars und Sternchen. Das größte und prunkvollste Hotel des Hotelmoguls Steve Wynn wurde zum 100. Geburtstag eröffnet und natürlich, wie soll es anders sein, die größte Geburtstagstorte der Welt - ganze 59 Tonnen bringt das Teil auf die Waage - angeschnitten. Ich hatte die Chance, ein Jahr lang in Las Vegas zu leben. Wenn man sich längere Zeit in der Stadt aufhält, findet man so viele Dinge, über die sonst nie berichtet wird. Ein Leben jenseits von Glamour und Neonlichtern.
An erster Stelle fielen mir die Naturschönheiten trotz der kargen Vegetation auf. Rund um die Stadt Las Vegas findet man Berge, als ob sie nur gerade so viel Platz gelassen hätten, dass die Stadt zwischen ihnen Platz fand. Nur etwa eine halbe Stunde Autofahrt aus der Stadt heraus - egal in welche Richtung - heraus aus der Scheinwelt und dem Gedränge des Tourismus - und man kann den Strip nur noch erahnen. Hier draußen hat man Natur pur und das Gefühl, das Thermometer wäre noch ein paar Grad noch oben geklettert. Besonders schön hier in der Berglandschaft ist es, Sonnenuntergänge zu erleben. Im Norden profilieren sich die Felsen wunderschön durch das seitliche Licht der Abendsonne. Im Westen sieht man nur eine Silhouette der Berge, wogegen der Osten rötlich erleuchtet. Die Sonne geht hier viel früher unter als bei uns in Deutschland. Selbst im Juni, wo hierzulande die Tage am längsten sind und es zum Teil nach 22.00 Uhr noch nicht vollständig dunkel ist, versinkt die Sonne in der Mojave-Wüste bereits nach 20.00 Uhr. Dann erst werden die Temperaturen erträglich.
Um die Natur zu erkunden, kann ich einen Ausritt wärmstens empfehlen, bestenfalls geführt von Indianern. Die kennen die Gegenden am besten und können viel erzählen, auch zur Geschichte der hier verbreiteten Indianer - Hopi und Navajos. Nach dem Ausritt gibt es dann ein Lagerfeuer, wo man die Erlebnisse des Tages noch einmal gemeinsam Revue passieren lässt. Wild West Romantik pur. Für die, die lieber bequem im Auto sitzen wollen: Bei einer Fahrt in Richtung Kalifornien, Arizona oder Utah, am besten im Cabriolet, kann man die Landschaft so richtig schön auf sich wirken lassen. Die Straßen erscheinen endlos, links und rechts der Straßen nichts als unendliche Weiten - die große Freiheit Amerika. So hatte ich es mir immer vorgestellt. Man sieht zwar immer wieder PKW, aber von einer Ortschaft bis zur nächsten legt man mitunter schon ziemlich lange Strecken zurück.
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Von der Metropole Las Vegas hat man es nicht weit zum Lake Mead, dem größten angestauten See des Südwestens am Hoover Dam, zum Grand Canyon oder Zyon Canyon Nationalpark. In noch kürzerer Entfernung erreicht man den Red Rock Canyon, das Valley of Fire oder den Mt. Charleston - Nevadas dritthöchster Berg mit ca. 4.000 Metern. Am pazifischen Ozean kann man schon nach vierstündiger Autofahrt baden gehen. Auf dem Weg durch die unendlichen Weiten sieht man des Öfteren wilde Pferde oder Maulesel. Eines Abends fuhren wir, nichts Böses ahnend, gemütlich auf einer Landstraße, als wir plötzlich eine Vollbremsung wegen eines Maultieres machen mussten. Er stand da so mitten auf der Straße und sah uns vorwurfsvoll an, als gehörte die Straße ihm allein.
In ruhigeren Gebieten hört man in abendlicher Stimmung Koyoten und Tausende von Grillen. Vorsicht geboten ist bei Klapperschlangen und Berglöwen. Vor letzteren hatte ich bei einer Wanderung durch den Zyon Canyon sehr großen Respekt. Wir wanderten auf einem schmalen Pfad und konnten nicht einschätzen, wie viel Zeit wir benötigen würden. Kilometerangaben fanden wir nirgends. Entgegenkommende Wanderer konnten uns leider auch keine Auskunft geben, da sie irgendwo auf halber Strecke kehrt machten. Wir wollten es allerdings bis zum Ende schaffen. Also liefen wir einfach weiter. Überall hingen Warnschilder. Es wurde bereits dunkel und diese Tiere sind bekanntlich nachtaktiv. Bei jedem Knacken und Rascheln im Gebüsch stellten sich meine Nackenhaare auf. Wir liefen immer schneller, man konnte den holprigen Weg kaum noch erkennen. Mir war schon etwas mulmig bei der ganzen Sache. Wer weiß, vielleicht saß der Berglöwe schon auf irgendeinem Felsblock, um uns zu beobachten. Dann hörten wir endlich den Fluss und konnten auch gerade so eine Brücke erspähen. Kurze Zeit später sahen wir auch von weitem die Lichter von einem der Shuttlebusse.
Als wir endlich wieder so halbwegs in der Zivilisation waren, dauerte es keine 5 Minuten mehr, bis es wirklich stockdunkel war. Ich war froh, dass wir wieder unten waren und von hier aus gesehen, fand ich die Sache schon wieder cool und richtig abenteuerlich. Um nichts in der Welt, würde ich da draußen in der Wildnis campen wollen. Es gibt Leute, die tun das! Wir fuhren lieber wieder zu unserem Hotel zurück. Wie man sieht, alle Naturschönheiten und Extreme liegen in unmittelbarer Nähe - für amerikanische Verhältnisse sind selbst vier Stunden Autofahrt ein Katzensprung. Wer braucht da noch diese Scheinwelt aus Glitter und Neon?
Eine andere Sache, die mir, leider, auch immer wieder auffiel und über die ebenfalls nicht so umfangreich berichtet wird: Trotz der vielen Chancen am Arbeitsmarkt - ca. 800.000 Arbeitsplätze - und der Stellen, die künftig noch geschaffen werden sollen - ca. 200.000, gibt es in Las Vegas zahlreiche Obdachlose. Menschen, die aus dem sozialen Raster fallen. Während der Strip weitestgehend freigehalten wird von allem Übel - schließlich würde das den Glanz der Scheinwelt trüben - sieht man an hoch frequentierten Straßenkreuzungen Bettler um ein paar Dollar betteln. In den Wintermonaten kommen weitere Obdachlose aus nördlicheren Gefilden wegen des milden Klimas hinzu. Sie schlagen ihre Quartiere unter den Highway-Brücken oder in der Unterwelt von Las Vegas auf. Zu den riesigen Hotelanlagen gehören riesige Kanalisationssysteme. Hier unten kommt kaum jemand vorbei. Touristen ahnen nicht einmal etwas von einer Unterwelt. In den riesigen Rohren sind die Obdachlosen geschützt vor neugierigen Blicken und vor allem vor der Wüstensonne. Nur bei länger anhaltenden Regenfällen werden ihre Lager kurzzeitig durchflutet.
Ein Stadtteil von Las Vegas nennt sich North Las Vegas. Eigentlich ist es eine separate Stadt mit einem eigenen Polizeibezirk. Hier herrscht das Gesetz der Straße. Auch hier ist die Armut größer als im übrigen Las Vegas. Viele von den hier lebenden Kids bekommen sicher nie Spielsachen zu Weihnachten geschenkt. Die Kriminalitätsrate ist hoch und es gibt kaum ausreichend Polizeibeamte. Ständig kreisen Helicopter über der Stadt, immer auf Verbrecherjagd. Prostituierte und Drogensüchtige gehören hier zum Straßenbild. Liebe Touristen, hier herrscht das wahre Leben. Aber bitte Hab und Gut schön festhalten! Weit ab vom Strip - und gar nicht mal so weit weg von Downtown - ist Las Vegas eine ganz normale amerikanische Stadt wie jede andere.
In dem einen Jahr, in dem ich mir eine Auszeit genommen habe, um mir erstens einen Traum zu erfüllen und um mir einfach zu beweisen, dass ich mich auch längere Zeit allein im Ausland durchschlagen kann und um zweitens mein Englisch unter Beweis zu stellen und Lebenserfahrungen zu sammeln, ist mir Las Vegas sehr ans Herz gewachsen. An die recht hohen Temperaturen, welche durch die niedrige Luftfeuchtigkeit recht erträglich sind, habe ich mich sehr schnell gewöhnt. Es ist einfach jeden Tag Sommer. Wetterwechsel gibt es äußerst selten. Das Leben scheint ebenso heiter wie der Sommer. Die Menschen sind hilfsbereit und herzlich, wenn auch zum Teil etwas oberflächlich. Ich denke sehr gerne an meine Zeit in der Wüste zurück und so sicher, wie dies nicht mein erster Besuch war, wird es nicht mein letzter bleiben.
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