Lavapiés - Zuwanderungsviertel mit kreativem Potenzial
Madrid birgt neben dem Prado und der Reina Sofia so manche Überraschung, die dem Besucher auf den ersten Blick nicht auffallen würde. Der lebendige Stadteil Lavapiés, südlich des Plaza del Sol ist eine davon.
Madrid gerät neben den europäischen Metropolen nicht selten in Vergessenheit, denn einen Eiffelturm, einen Big Ben oder ein Kolosseum gibt es hier nicht. Die Hauptstadt am südöstlichen Rand Europas bietet dem Besucher vor allem eines: ein umfangreiches Angebot an Kultur und Gastronomie.
Bei einem Spaziergang über die Gran Via vom Plaza de Cibeles bis zum Plaza de España bestaunt der Fußgänger die prachtvolle Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts und nimmt Anteil am regen Leben der extrovertierten und gelassenen Madrilenen. Den eigentlichen Charme der spanischen Hauptstadt findet man meiner Meinung nach allerdings am Ehesten bei einem kühlen Bier - einer "caña" - auf der Terrasse einer Bar in den Stadtteilen Chueca, Malasaña, Huertas, La Latina oder Lavapiés.
Das zu den ältesten Vierteln Madrids gehörende Lavapiés bleibt neben den allgemein bekannten Sehenswürdigkeiten und angesagten Szenevierteln eher unbeachtet. Doch Lavapiés' Angebot an Cafés, Bars, Kulturzentren und historischen Orten kann mit dem Kneipenrepertoire der durch die "movida madrileña" berühmten und gehypten Teilen Chueca und Malasaña locker mithalten.
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Lavapiés bedeutet auf Deutsch übersetzt „Füße waschen“. Der Name geht auf das jüdische Reinigungsritual vor dem Tempelbesuch zurück, welches vermutlich an einem Brunnen auf dem Plaza de Lavapiés durchgeführt wurde. Im Mittelalter lebten hier vor allem Juden, die im Zuge der Christianisierung Spaniens nach und nach vertrieben wurden. Die ehemalige Synagoge am Ende der Calle de la Fe funktionierte man nach dem Aufstreben der Christen in Lavapiés zur heutigen Kirche "Iglesia de San Lorenzo" um.
Während der vergangenen fünfzig Jahre wandelte sich das Stadtbild Lavapiés' auf Grund der hohen Zuwanderungsraten aus anderen Teilen Spaniens, Afrika und Asien gravierend. Während der Franco-Epoche größtenteils von älteren Madrilenen bewohnt, entwickelte sich Lavapiés in den Achtzigern zum Einwanderungsviertel und sozialem Brennpunkt mit besetzten Häusern und pakistanischen Geschäften. Freiheitsbestrebte junge Spanier besetzten leerstehende Häuser in der Nachbarschaft. Kurz darauf immigrierten Zuwanderer aus afrikanischen Ländern, China und Pakistan. Heute beträgt die Anzahl der nicht aus Spanien stammenden Bewohner um die 50%, was leider den Zerfall des Viertels verursachte. Die Kriminalitätsrate stieg an, der Handel mit Drogen florierte und die Straßen verschmutzten zusehends.
Doch diesem Cocktail aus alternativen jungen Leuten und multikultureller Bevölkerung entwuchsen die interessantesten Bars, Cafés und kreativen Zentren Madrids, wie beispielsweise die schäbig-punkige Kneipe "El Automático" in der Calle de Argumosa, das alternative Gourmet-Restaurant "La Boca del Lobo", oder auch das liebevoll eingerichtete Alma Café mit gespiegelter Wanddeko in der Calle de Santa Isabel.
Im exotischen und kreativen Ambiente organisierten Vereine beispielsweise ein indisches Filmfestival mit landestypischen Speisen und Konzerten auf öffentlichen Plätzen oder ein Kunstprojekt in Form einer Stadtteilralley, bei dem das Publikum mit einer Stadtkarte ausgestattet, die Werke direkt in den Wohnungen der Künstler bei Wein, Tapas und einem guten Gespräch betrachten konnte.
So viele kulturelle und soziale Zentren wie in Lavapiés gibt es sonst nirgendwo in Madrid. Das soziale Zentrum "La Tabacalera" in der Calle de Embajadores 51 veranstaltet Fotografieausstellungen, Kinoabende und Konzerte zu gesellschaftlichen Brennpunktthemen in den Gemäuern einer alten Tabakfabrik, mit integrierter Kneipe und ohne Eintritt.
Auch das "Casa Encendida" in der Ronda de Valencia sollte man unbedingt besuchen und sich das Programm aus zeitgenössischem Theater, Kino und Ausstellungen junger internationaler Künstler zu Gemüte führen. Das von der Caja Madrid finanzierte Kulturzentrum verfügt außerdem über eine Kunstbibliothek, einen kleinen Fair-Trade-Laden und eine Dachterrasse, auf der man unbedingt die Sonne genießen und die Stadt überblicken sollte.
Wen die Souvenirstände in der Gran Vía, die hippen Cafés in Malasaña oder die Schwulenkneipen in Chueca nicht mehr beeindrucken können, der wird im kleinstädtischen, südamerikanischen Flair Lavapiés mit den indischen Restaurants und pakistanischen Gemüsegeschäften einen kommerziell fast noch unberührten authentischen Ort mit kreativem Potenzial entdecken, welcher in Madrid, vielleicht sogar in ganz Spanien, einmalig ist.
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