Neuseelands Nordinsel - Der Nebelwald des Taranaki

Bei dieser Rundwanderung durch den Egmont Nationalpark erlebt man die verschiedensten Vegetationszonen Neuseelands. Vom Nebelwald bis hinauf auf 1.500 Meter Höhe führt der schmale Pfad zur abgelegenen Lake Dive Hut.

Das Ziel der Wanderung, der eher unscheinbare See zwischen Bergwald und supalpinem Gelände

Schon im Anflug auf den internationalen Flughafen von Auckland, die meisten Globetrotter aus dem europäischen Raum reisen über diesen größten Hub der Nord- und Südinsel Neuseelands in das Land ein, kann man mit etwas Glück den Vulkankegel des Mount Taranaki von seinem Flugzeugsitz aus sehen. Das Land der Langen Weißen Wolke, in der Sprache der Maori als „Aotearoa“ bezeichnet, gibt Neuankömmlingen mitunter den Blick auf diesen 2.518 Meter hohen, einzeln stehenden Berg frei. An der Westküste der Nordinsel gelegen, diente der durch Captain James Cook im 18. Jahrhundert auf Mount Egmont getaufte, heutzutage vom Department of Conservation verwaltete, höchste Punkt des gleichnamigen Nationalparks auch den Seefahrern vergangener Zeiten als weithin sichtbare Landmarke.

Die neuseeländische Nordinsel zeichnet sich im Gegensatz zur Südinsel nicht durch eine nahezu die gesamte Länge der Insel durchziehende Bergkette wie die Southern Alps aus, sondern ist im Wesentlichen gegliedert in einen subtropischen Norden, wie z. B. die bekannte Bay of Islands, und eine zentrale Hochebene. Hier befindet sich mit 2.797 Meter Höhe auch die höchste Erhebung der Nordinsel, der Ruapehu. Im Westen dieser Hochebene ragt eine Landspitze in die Tasman-See hinaus, und eben hier liegt der Taranaki.

Viele Neuseeland-Besucher halten sich nicht länger als nötig auf der nach kurzem Blick in die Karte doch etwas langweilig und eintönig erscheinenden Nordinsel auf, um schnell nach Wellington und somit zur Fähre auf die abenteuerliche südliche Insel des Landes zu kommen, oder nehmen direkt einen Inlandsflug runter nach Christchurch. Natürlich spielt hierbei oftmals eine begrenzte Reisezeit die Rolle, und einen Trip an das andere Ende der Welt leisten wir uns nicht alle Tage. Dennoch hat der Norden auch oder gerade für Outdoor-Fans eine breite Palette an sportlich-abenteuerlichen Aktivitäten zu bieten. Neben einer bis zu fünf-tägigen Kanu-Wanderung im teilweise straßenlosen Whanganui-Nationalpark bietet der Egmont Nationalpark nach Meinung des Autors auf der neuseeländischen Nordinsel die besten Möglichkeiten, in wunderbarer Natur unvergessliche „kleine Abenteuer“ zu erleben!

Die Taranaki-Region

Der Egmont Nationalpark verfügt über drei z. B. mit einem Mietwagen gut zu befahrende Zufahrtswege an den Fuß des Mount Taranaki. Von Norden und Osten kommend enden sie in North Egmont bzw. East Egmont, wer aus dem Südosten über die Manaia Road anreist, landet nach netter Fahrt über das zumeist einspurige, befestigte Sträßchen beim Dawson Falls Visitor Centre. Wer hier, auf 900 Meter Höhe, übernachten möchte, kann dies entweder in der Konini Lodge oder in der Dawson Falls Mountain Lodge tun. Erfahrene Alpinisten mit entsprechender Ausrüstung haben die Möglichkeit, von hier aus zu einer Gipfelbesteigung des Mount Taranaki aufzubrechen, besser geeignet hierfür ist wohl aber eher die Nordroute von North Egmont aus über die Tahurangi Lodge.

Aber es muss ja nicht gleich der Gipfel sein! Wer es etwas gemütlicher mag, hat hier in Dawson Falls mehrere Möglichkeiten, die abwechslungsreiche Flora des Bergwaldes kennenzulernen. Mehrere Tracks führen in die nähere Umgebung, und eigentlich könnte man von hier aus in beide Richtungen loswandern, um den kompletten Berg einmal zu umrunden - hierfür sollte natürlich mehr als nur ein Tag veranschlagt werden.

Die Wanderung zum Lake Dive

Die Rundwanderung, die im Folgenden beschrieben wird, erschließt einen Großteil der südöstlichen Region des Mount Taranaki zwischen ca. 900 und gut 1.500 Höhenmetern. Normales Schritttempo und einige kleine Pausen zum Genießen und Erholen vorausgesetzt, sollte man ca. sieben bis acht Stunden für diese Tour einplanen. Die Lake Dive Hut bietet auch eine gute Übernachtungsmöglichkeit, wenn man sich etwas mehr Zeit lassen möchte oder beispielsweise bei gutem Wetter der Fanthams Peak mit 1.966 Höhenmetern noch mit in die Route aufgenommen werden soll. Der besondere Reiz dieser Tour liegt auf jeden Fall in den verschiedenen Vegetationszonen, die durchwandert werden.

Beim Start in Dawson Falls befindet man sich in der Zone des Nebelwaldes, nach nur wenigen Metern taucht man ein in eine grüne Welt aus Podocarpaceen, wie z. B. der Bergtotara. Dem Fanthams Peak Track zum gleichnamigen südlichen Nebengipfel des Taranaki folgend, verlassen wir die Zone des Regenwaldes relativ schnell nach oben, werden aber im zweiten Teil unserer Wanderung genügend Gelegenheit haben, die Mystik dieses von den Neuseeländern als „Goblin Forest“, zu deutsch Elfenwald, bezeichneten Märchenwaldes zu erleben.

An einem Gedenkstein für Sir Edmund Hillary vorbei geht es über die Baumgrenze hinaus durch dichten Olearien-Bestand und weiter durch subalpines Gebüsch wie z. B. die Strauchveronika. Für den europäischen Bergwanderer sicherlich etwas ungewohnt sind die vielen Stufen, die es in diesem Abschnitt emporzusteigen gilt. Der eine mag’s, der andere nicht! Doch die Mühe lohnt sich, vorbei am Hooker Shelter wird die Vegetation immer niedriger, und konnte man vor einer halben Stunde nur mit viel Mühe einen Blick durch das üppige Grün hindurch auf die Ebene im Osten des Egmont Nationalparks erhaschen, so gibt die jetzt immer niedriger werdende Vegetation den Blick auf die Nordinsel Neuseelands frei. Die Muster bestellter Felder zeigen uns allerdings, dass wir uns eben doch nicht auf dem Kilimanjaro, ebenfalls ein relativ einzeln stehender Vulkan, befinden - dafür entdecken wir bei guter Sicht im Süden das Glitzern der Tasman-See.

Auf ca. 1.500 Meter Höhe hat der Aufstieg ein Ende, hier biegen wir nach links auf den Upper Lake Dive Track ab. Die Weggabelung ist recht gut ausgeschildert, ein netter Platz für eine Rast. Möglicherweise kommt grad ein Frühaufsteher vom Fanthams Peak herunter und nimmt sich die Zeit für ein kleines Schwätzchen – in Neuseeland nichts Außergewöhnliches. Unser Blick schweift jetzt vom Fanthams Peak auf der einen Seite, in Begleitung von echten Berg-Fans sollte man jetzt darauf gefasst sein, dass die da unbedingt rauf wollen, zum Nebelwald auf der anderen Seite. Irgendwo da unten liegt der Lake Dive, das nächste Zwischenziel unserer Wanderung.

Doch bevor es wieder in tiefere und dichter bewachsene Regionen geht, bewegen wir uns erst einmal auf ungefähr derselben Höhe in Richtung Süden, teilweise durch hüfthohes Tussock-Gras, welches mitunter den schmalen Track überwuchert, so dass man sich regelrecht einen Weg bahnen muss. Hier oben kann es auch im Süd-Sommer schon etwas frischer werden, ohnehin ist der Taranaki bekannt für seine raschen Wetterumschwünge, bedingt durch seine exponierte Lage in der Westwindzone der südlichen Hemisphäre. Plötzliche Sturmböen und Kälteeinbrüche in den oberen Bereichen sind keine Seltenheit.

Dem Track folgend merken wir nach ca. einer halben Stunde langsam, wie es wieder abwärts geht, und wir steuern direkt auf den Lake Dive zu, der jetzt mitten im Grün des unter uns liegenden Bergwaldes gut zu erkennen ist. Aufgrund dieser direkten Wegführung sind auch im Abstieg wieder Treppenstufen zu meistern, wer hier ein Paar Trekkingstöcke dabei hat, wird es nicht bereuen.

Bereits vor Erreichen der Lake Dive Hut, eine Hütte des DOC mit 16 Schlafplätzen, dringt man wieder ein in diese ganz eigene Welt des Bergnebelwaldes. Die knorrigen Bäume sind komplett mit Moos bewachsen, ein Gewirr aus Ästen, Blättern, Wurzeln und feuchtem Grün, mitunter undurchdringlich. Der in seiner Größe überschaubare Lake Dive gibt hier wieder Luft zum Atmen, freien Blick zum Himmel, die Hütte ein wenig Geborgenheit.

Auf der Karte sieht der Rückweg von hier zum Visitor Centre in Dawson Falls wie ein Spaziergang aus. Doch dieser Weg, den wir manchmal nicht mal mehr sehen, ist nicht zu unterschätzen. Der Lower Lake Dive Track führt in unzähligen Windungen und nicht immer ganz leichtem Auf-und-Ab nach Nordosten. Flüsse müssen gequert werden, Farne aller Art gedeihen rechts und links des Weges. Die Nässe ist allgegenwärtig, und wer seine Wanderschuhe nicht dreckig machen möchte, ist hier falsch. Nach starkem Regen können die Flüsse so stark anschwellen, dass ein Passieren unmöglich wird. Aber irgendwann hat es irgendwo in Neuseeland immer geregnet, und kleine, an Bäumen angebrachte, orangefarbene Dreiecke dienen als Wegweiser, und zeigen uns, wo auf der anderen Seite der Track weitergehen sollte.

Je nach Wetter ist dieser Abschnitt nach zwei bis drei Stunden geschafft, und am Ende des Lower Lake Dive Tracks biegt man nach rechts wieder auf den Fanthams Peak Track ein. Hier schließt sich der Kreis, eine abwechslungsreiche, bei gutem Wetter und nicht zu viel Regen einfache Wanderung vom Nebelwald auf subalpines Tussock-Grasland und zurück geht zu Ende. Selbst in der Hauptsaison im Januar sind wir weite Strecken dieser Route völlig allein gegangen, allein unter einer langen weißen Wolke am Ende der Welt.

Ka kite ano - Auf Wiedersehen in Neuseeland!

Reisebericht als PDF
Autor: Papeete  27.07.2011 |  Beitrag hilfreich? Ja (3) | Nein

Kommentare zu Neuseelands Nordinsel - Der Nebelwald des Taranaki

Userbild Gereon Gereon: Dein Bericht macht richtig Lust einen Trek in Neuseeland, muss sehr beeindruckend sein. (02.08.11)

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