Pilgern auf dem Jakobsweg

Meine erste Pilgerreise entlang des Ökumenischen Pilgerweges durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen führte mich auch durch meine Heimatstadt Kamenz. Eine ganz neue Erfahrung!

Diese Karte befindet sich neben dem Eingang der Pilgerherberge auf dem Hutberg in Kamenz.

Inspiriert von Hape Kerkelings Buch „Ich bin dann mal weg“ ließ mich der Gedanke an meine erste eigene Pilgerreise nicht mehr los. Aber Spanien ist weit, die Anreise nicht ganz billig und die Zahl meiner restlichen Urlaubstage sehr begrenzt. Bei meinen Recherchen im Internet stieß ich auf den Ökumenischen Pilgerweg durch Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, der sich am historischen Verlauf der Via Regia orientiert und seit seiner Eröffnung im Jahre 2003 im wachsenden Netz europäischer Pilgerwege eine wichtige Verbindung zwischen Ost und West darstellt. Mein Entschluss stand fest, ich werde den etwa 450 km langen Weg von Görlitz nach Vacha in einzelnen Etappen wandern! Den detailgetreuen und mit handgezeichneten Wegekarten gestalteten Pilgerführer sowie den notwendigen Pilgerausweis besorgte ich mir beim Ökumenischen Pilgerweg e.V.

Am 27. Juni 2009 startete ich gemeinsam mit zwei Freundinnen auf der Friedensbrücke in Görlitz. Der Weg ist nahezu lückenlos beschildert, die Wegmarkierung mit der gelben Muschel auf blauen Grund wurde in den nächsten Tagen unser ständiger „Begleiter“. An unser „Pilgerdasein“ gewöhnten wir uns schnell. Die Tagesetappen pegelten sich auf etwa 25 km ein und schon bald schmerzten auch die Schultern nicht mehr unter der Last des Rucksackes. Auch die Suche nach einem geeigneten Nachtlager war denkbar einfach, da doch im Pilgerführer alle Herbergen mit Ansprechpartner und Telefonnummer vermerkt sind. Die Herbergseltern bereiteten uns stets einen herzlichen Empfang.

Der Weg führte uns durch viele kleine, verträumte Ortschaften, über den Hochstein, durch die Gröditzer Skala am Löbauer Wasser und bereits am Abend des 2. Tages hatten wir Bautzen erreicht. Nach einem Bummel durch die wundervolle Altstadt mit Wasserkunst, Reichenstraße, Reichenturm und Ortenburg ließen wir den Abend gemütlich bei einem Glas Rotwein auf dem Hauptmarkt ausklingen. Auch der kommende Tag hielt wieder etwas ganz Besonderes für uns bereit. Weit ab vom Alltagsstress durchwanderten wir Wiesen und Felder und erreichten entspannt Panschwitz-Kuckau mit seinem Kloster St. Marienstern. Sehr warmherzig wurden wir von den Schwestern des Klosters begrüßt und zu unserem großen Glück waren noch genau drei Betten in der Pilgerherberge des Klosters für uns frei. Nach Klosterbesichtigung, Spaziergang durch den Klostergarten und Besuch der Vesper in der Klosterkirche stärkten wir uns vortrefflich im Klosterstübel. Meine Vorfreude auf den kommenden Tag wurde immer größer. Von Panschwitz-Kuckau aus wollten wir weiter ziehen in Richtung Königsbrück, wobei diese Tagesetappe unmittelbar durch meine Heimatstadt Kamenz führt. Ich hatte in Kamenz niemals zuvor eine Wegmarkierung mit der gelben Muschel gesehen. Die Spannung war entsprechend groß!

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Von Nebelschütz kommend erreichten wir Kamenz und wanderten zunächst durch den Kamenzer Forst. Über den Bautzner Berg führt der Weg bis zur Schwarzen Elster. Man läuft das Herrenthal entlang und stößt hier direkt auf eine dunkle Seite der Kamenzer Stadtgeschichte. Eine Gedenktafel erinnert an ein ehemaliges Konzentrationslager, in dessen Mauern viele Menschen unter dem NS-Regime starben und an Ort und Stelle in einem Krematoriumsofen verbrannt wurden.

Gedankenversunken erklommen wir die steilen Stiegen hinauf zum Marktplatz mit Rathaus und Andreasbrunnen. Ein schöner Anblick! Dort traf ich auch einige Bekannte, die doch etwas verwundert auf unsere Rucksäcke und unser Outfit schauten. Dennoch war das Interesse am Thema „Pilgern auf dem Jakobsweg“ sehr groß. Im Innenhof des Hotels „Goldner Hirsch“ genossen wir die Mittagssonne und meine Stadt. Wann nimmt man sich schon mal die Zeit um die Schönheit der Heimat zu bestaunen. Die vielen Sehenswürdigkeiten meiner Heimatstadt hatte ich ehrlich gesagt schon lange nicht mehr wahrgenommen. Durch das Klostertor führt der Weg vorbei an der Klosterkirche St. Annen und weiter in Richtung Hutberg Auch wenn der Weg hinauf zum Hutberg etwas mühsam war, gelohnt hat es sich allemal. Der Hutbergturm gewährte uns noch einmal einen tollen Blick zurück auf die Stadt Kamenz bevor wir unseren Weg in Richtung Königsbrück fortsetzten.

Bevor wir am 3. Juli die Stadt Riesa erreichten, hielt der Weg noch einige Erlebnisse für uns bereit: eine abenteuerliche Nacht auf Strohsäcken im Armenhaus von Stenz, ein Besuch im Zauberschloss Schönfeld, ein erfrischendes Bad in der Elbe. In der Riesaer Trinitatiskirche erhielten wir zum Abschluss noch einen Pilgerstempel und dann traten wir mit einem Rucksack voller Eindrücke und leider auch mit Blasen an den Füßen die Heimreise an. Unsere Pilgerreise war eine echte Kur für Körper und Seele. "Im kommenden Jahr werden wir in Riesa wieder starten und unseren Weg in Richtung Santiago de Compostella fortsetzen!" – das war unser gemeinsames Fazit der Wanderung auf dem Jakobsweg.

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Autor: Kerstin Boden  28.09.2011 |  Beitrag hilfreich? Ja (5) | Nein

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