Spätsommeransichten im Aostatal

Auf wanderfreudige Besucher warten unvergleichliche Spätsommeransichten im Aostatal, denn zwischen Ende August und Anfang Oktober hält es von Sommersonne bis Schnee alles bereit.

Schon die Anfahrt über den St. Bernhardpass ins Aostatal bietet einige Augenweiden: Zunächst die Schweizer Wiesen- und Berglandschaft um den spiegelglatten Genfer See herum, auf dem sich ungetrübt ein blauer Himmel ausbreitet. Dann die vielen Dorfhäuschen, die mit ihren urigen Schieferdächern die Serpentinen säumen bis hinab ins Tal. Und schließlich Aosta, in das man einmündet wie ein Skifahrer nach einer langen Slalomfahrt. Eine Stadt, die kranzförmig vom Alpenmassiv umgeben wird und in der sich - mag sie amtlich auch, autonom allerdings, zum italienischen Staat gehören - drei Mentalitäten vermischen: die italienische, die schweizerische und die französische. Ein Umstand, der wesentlich zum vielfältigen Eindruck der Spätsommeransichten im Aostatal beiträgt.

Aosta

Ab Mitte August, das heißt ab Ferragosto (der 15.), einem der wichtigsten Feiertage in Italien, hält die Region am Fuße der Alpen für einige Wochen von Sommersonne bis Schnee alles bereit. Der Blick aus dem Hotelfenster kann weit hinaus über die grünbewachsenen Bergausläufer wandern hinauf bis zu den Felskämmen, wo über Nacht so manche Spitze plötzlich eine weiße Kappe trägt und die Skisaison ankündigt. Wer kein Hotel mit Bergausblick erwischen sollte, der holt das unweigerlich nach, wenn er durch die Stadt schlendert. Durch das Zentrum führt eine langgezogene Fußgängerzone, reich an Cafés, Eisdielen und kleinen Läden wie die Buchhandlung Libreria: à la Page, Livres et Café. Sie versteckt sich am Ende einer Gasse, der Via Maillet, die von der Via Edouard, dem ersten Abschnitt des centro storico, also der Altstadtpassage, abzweigt. Neben dem Angebot an reduzierten Büchern und Kaffee bietet sie auch einen kostenlosen Internetzugang an.

An Sehenswürdigkeit ist im Vergleich zu anderen regionalen Hauptstädten Italiens wenig zu nennen. Erhalten sind noch einige Überreste aus römischer Gründerzeit, Teile der Stadtmauer, ein Triumphbogen und Ähnliches. Doch unvergesslich bleibt hier vor allem eine Spätsommeransicht im Aostatal: Bei milden Septembertemperaturen vor der Kulisse beschneiter Bergspitzen Fruchteissorten wie Melone und Orange genießen - in Italien meist nicht in Kugelform, sondern cremig gespachtelt.

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Courmayeur

Ähnlich angelegt ist die Innenstadt Courmayeurs, auch sie wird geprägt von einer langen geraden Ladenpassage, der Via Roma. Auch sie umgibt natürlich ein Gebirgspanorama, unter welchem sich kein geringerer Gipfel befindet als der höchste Europas, der Mont Blanc, immerweiß und ehrfurchtgebietend. Seine Anwesenheit ist in dem überschaubaren Städtchen überall zu spüren, auch wenn er nicht direkt in Sicht ist, wie etwa auf dem Hinterhof des Cafés della Posta. Die Getränke und das feine Gebäck sind ausgezeichnet und lohnen sich trotz der gesalzenen Preise. Verwunderlich sind diese nicht, ist doch Courmayeur eines der bekanntsten Wintersportgebiete im Aostatal. Auch die vielen Boutiquen, Antiquitätengeschäfte und imposanten Hotelvorhöfe sprechen für eine gehobenere Preisklasse.

Ein Tagesausflug gehört also oder dennoch, insbesondere wenn die Skisaison noch nicht begonnen hat und eine angenehm entspannte Atmosphäre herrscht, zum Pflichtprogramm. Ohne ein Picknick im Angesicht des Mont Blanc an einem stillen Fleckchen in oder um Courmayeur herum wären die Spätsommeransichten im Aostatal nicht komplett. Außerdem wird man es nicht bereuen, etwas mehr Geld dort zu lassen im Tausch gegen eine der zahlreichen original regionalen Schmuckstücke aus altem edlem Holz oder gegen eine einfache Packung frischer Nudeln, die am Eck des genannten Hinterhofs zu erhalten sind.

Cogne

Eine der kauzigsten, originalsten Ortschaften der Gegend ist, trotz der vielen Wandertouristen, sicherlich Cogne. Ein optimaler Besuchstag könnte folgendermaßen aussähen: Am Vormittag, spätestens gegen zehn Uhr, erfolgt die Ankunft auf dem großen Parkplatz hinter dem Dorf, Mittelpunkt einer 1.500-Seelengemeinde. Von dort führt ein 15 Minuten Fußmarsch ins Becken des Wandergebiets und Nationalparks mit sprechendem Namen, dem Gran Paradiso. Auf diesem Weg liegt ein kleines Lebensmittelgeschäft, das mit unverzichtbarem Proviant versorgt, mit unvergleichlichem italienischem Aufschnitt und Käse wie den berühmten Fontina. Verspricht das Wetter sonnig und klar zu werden, empfiehlt sich der steilere Pfad hinauf zum Bergsee. Kündigt sich Nebel an, wäre es ratsam, dem Bach entlang der weniger anstrengenden Route zu folgen. Ein herrlicher Ausblick, eine weitere Spätsommeransicht, über Gipfel und Wipfel ins Aosta- und Cogne-Tal erwartet die Wanderer in jedem Fall und nach der Anstrengung ein wirkliches Original an Bergmannsbeiz.

Der Besitzer ist ein ehemaliger, vollbärtiger Jura-Professor, dessen Ölportrait eines von vielen Kuriositäten der Inneneinrichtung ausmacht. Die regionalen Spezialitäten werden hier auf einem Nussholzbrett gereicht. Anschließend, nachdem man sich wieder gestärkt und gegebenenfalls getrocknet und aufgewärmt hat, steht ein Sprung ins Dorfinnere an. Völlig überraschend wirkt da die von außen unscheinbare Kirche; keiner der vielen atemberaubenden Kirchenräume Europas, die einem schon begegnet sind, wartet mit einer vergleichbar heterogen folkloristischen Ausstattung auf wie diese Alpenkatholizismusmischung: Als betrete man einen weihevollen Dachboden voll alter Gerätschaft, die nur Gerümpel, aber auch sehr Wertvolles sein könnte.

Souvenirs

Was sollte der Besucher als Andenken mitnehmen? Beliebt ist neben den bekannten Speisen ein besonderer Likör, der Génepy. Hergestellt wird er aus seltenen, kamilleartigen Kräutern nur dieser Alpengegend, schmeckt mild, süß und herb zugleich. Vor allem aber werden es die Bilder, die Spätsommeransichten im Aostatal sein, die einem jeden Gast geschenkt werden: Das Alpenmassiv, das sich stolz in der glasklaren Bergluft um das Tal herum erstreckt und die vielen dörflichen Details, beispielsweise die Schieferziegeldächer in Cogne, Spuren eines Zeitgefühls, das sich der ständigen Präsens von Urgestein verdankt.

Reisebericht als PDF
Autor: marello  12.09.2011 |  Beitrag hilfreich? Ja | Nein

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