Tatort Münster - Eine Krimistadt durch und durch
Münsters Kommissare zählen zu den beliebtesten Deutschlands. Kein Wunder, denn sie sind genauso liebenswerte Unikate wie die Krimistadt Münster Stadt selbst. Dabei zeigt sich jede Sendung: auf die Gegensätze kommt es an.
Am idyllischen Aasee sieht man Segelbötchen fahren, Jogger, Studenten radeln und alte Damen, die ihren Hund ausführen. Auch ein paar Schwäne vervollständigen das Bild. Doch was schwimmt da an der Wasseroberfläche? Ein altes Fahrrad? Ein umgekipptes Schwanentretboot? Nein: Es ist eine Leiche! Aber das ist ok. Denn wir befinden uns hier in der Krimistadt Münster, wo jedes Jahr mehrere Krimis entstehen. Dreharbeiten gehören hier zum Alltag und das bedeutet eben auch, dass mal eine Leiche im Aasee schwimmt, dass Axel Prahl plötzlich von Kameras begleitet an einem vorbei radelt oder dass Wilsbergs Atelier an der Überwasserkirche nachts plötzlich in gleißendes Scheinwerferlicht getaucht wird. Wenn so ein ganz normaler Tag in Münster zu Ende geht und die Dreharbeiten abgeschlossen sind, dann treffen sich Münsteraner und Ermittler im Cineplex oder anderswo um ihn gemeinsam an zu sehen : den Tatort Münster – oder den neuesten Wilsberg.
Denn Münster ist Krimistadt. Weil die ganze Nation bei den sympathischen Ermittlerteams gerne mit fiebert, bedeutet das auch Krimiführungen, Fahrradtouren auf den Spuren der Kommissare und kriminelle Abendunterhaltung vom Krimidinner bis zum Ermittlerwochenende. Gerne lassen sich Touristen in der Stadt auf Führungen zu den Drehorten begleiten, vom Polizeipräsidium bis zum Antiquariat Solder, wo Wilsberg gedreht wird. Auf Themenreisen kann man außerdem selbst zum Ermittler werden und immer neue Rätsel lösen.
Aber wie wird man eigentlich Krimistadt?
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An der bedrohlichen Atmosphäre kann es nicht liegen. In Münster ragen keine finsteren Hochhäuser aus dem Boden und auch düstere Straßenzüge sucht man vergebens. Macht aber nicht’s, der Tatort Münster und die Wilsberg Krimis begnügen sich gerne mit Herrenhäusern und dunklen Altstadtgässchen. Ist sowieso ein schönerer Anblick am Sonntag- bzw. Samstagabend.
Liegt es also an Münsters krimineller Geschichte?
Tatsächlich blickt die Stadt zurück auf bewegte Zeiten: 1890 z.B. als eine gefälschte Lutherbibel kursierte. Was in einer so katholischen Stadt wahrscheinlich niemandem allzu stark auffällt – ganz im Gegensatz zum geheimnisvollen Mord im Dom. Serientäter Räuber, Brandstifter und andere Kriminelle trieben hier in der Geschichte ihr Unwesen- u.a. das Vorbild zum berühmten Schinderhannes. Die ganzen Geschichten können gerne nach gelesen werden in „Münster- die großen Kriminalfälle“ von Christian Steinhagen. Selbst auf die Aaseeschwäne soll es einen Anschlag gegeben haben. Trotzdem: Münster ist eigentlich kein besonders gefährliches Pflaster. Und wenn man mal von den Wiedertäufern absieht, deren Käfige noch heute von der Lambertikirche baumeln, hat es eigentlich auch keinen Hang zur Morbidität.
Das Geheimnis guter Krimis
Wahrscheinlich ist gerade das das Geheimnis der Münsteraner Krimis. Der Grund warum der Münster Tatort so beliebt ist könnte sein, dass der Mord hier mehr als Mittel zum Zweck gesehen wird. Das Gleiche gilt für die Wilsberg-Krimis. Beide verkörpern viel eher die Ausstrahlung der Stadt- was an den Ermittlerteams deutlich zu sehen ist: In Münster treffen alteingesessene Familien auf immer Größer werdende Zahlen von Studenten. Der historische Glanz der alteingesessenen Läden und traditionsbewussten Cafés im Zentrum trifft auf überbordende Buchhandlungen, alternative Lädchen und urige Kneipen, die in Münster nicht weniger Tradition haben. Passend dazu treffen in den Münsteraner Ermittlerteams Pingelige Pathologen und Steuerprüfer auf die ewigen Studenten Thiel und Wilsberg, von denen einer sein Leben am liebsten nur in St. Pauli T-Shirts verbringen würde und der andere, genauso studentisch, ständig pleite ist. Man erkennt beide schon an ihrem liebsten Verkehrsmittel, dem Fahrrad.
Fahrrad ist Pflicht- im Krimi wie im waren Leben, lässt sich die Stadt auf der Leeze am besten erfahren
In der Fahrradhauptstadt Münster ist eine Verfolgungsjagd tatsächlich manchmal besser auf dem Rad erledigt. So kommt man immerhin durch historische Gässchen und Fußgängerzonen. Fehlt nur das Blaulicht. Kin Wunder, dass die Münsteraner für ihr geliebtes Zweirad ein eigenes Wort erfunden haben. Leeze heißt es liebevoll im Volksmund. Kompliziert wird es immer dann, wenn es eng wird und Fahrräder und Autos aufeinander treffen. Wenn ein Verbrecher gemeinerweise ein Motorfahrzeug zur Flucht nutzt, dann muss Wilsberg auf seinen Freund Ekki und Thiel auf seinen Vater (oder Pathologen) zurück greifen, damit die ihnen ihr Fahrzeug leihen. Ein Auto haben die beiden natürlich nicht. Warum auch in Münster? Aber darum geht es ja: Gegensätze ziehen sich an und harmonieren- mehr oder weniger, aber bissiger Humor ist ja auch eine Art von Harmonie, zumindest für den Zuschauer. Der Tatort Münster ist weniger Thriller als Psychologisches Kammerspiel und das sagt auch etwas über die Stadt.
Die Mischung macht's- Die Münster Krimis und ihre Stadt
Münster wird nicht nur durch die verschiedenen Flairs bereichert, sondern auch durch alles, was seine Einwohner so mit sich bringen. Die Mischung macht’s und ergibt die Grundlage für einen ganz eigenen Lebensstil mit sehr viel Witz und Humor. Die Altstadt, durch die Thiel in jedem Tatort einmal radeln muss, hebt sich so sehr von anderen Altstädten ab, weil die Kaufmannschaft ein Mindestmaß an Anpassung an den historischen Stil verlangt z.B. Ladenschilder nicht in Neon sondern stilecht in Gold vor den Gebäuden aus Sandstein. Vermieter wie Professor Boerne sorgen dafür, dass auch außerhalb noch so viele schöne Altbauten, vorzugsweise in rotem Backstein, überleben können.
Die Krimistadt Münster ist auch Uni Stadt durch und durch
Doch auch er hat hier studiert und bringt sein Wissen ein, wie es sich in einer Universitätsstadt gehört. Es ist kein Wunder, dass in diese Stadt mit dem großen Universitätsklinikum, wo schon Gorbatschow seine Frau behandeln ließ, ein Mediziner zu den Ermittlern gehört oder wie bei Wilsberg eine Juristin. Die Universität prägt die Stadt genauso wie auch ihre Geschichte und ihre Menschen. Wer immer noch nicht genug hat von skurrilen Persönlichkeiten, der kann sich jederzeit einen der Krimis ansehen, wo es unsere Ermittler aus der Stadt heraus ins Münsterland verschlägt. Dort bekommen es die Helden aus Münster Tatort und Wilsberg mit westfälischen Landwirten zu tun bekommen. Und die sind noch einmal eine ganz andere Kategorie…
Übrigens, eine kleine Ironie am Rande: Obwohl Münster zwei Ermittlerteams besitzt, ist es in Wirklichkeit Deutschlands Stadt mit den meisten ungeklärten Verbrechen. Jetzt bitte nicht gleich in Panik davon radeln- denn grundsätzlich ist die Kriminalität in Münster sehr gering. Den Grund für die nicht gelösten Fälle kennt jeder Münsteraner: Fahrraddiebstähle. So was lässt sich einfach schlecht aufklären.
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