Teneriffa - Galapagos der Pflanzenwelt
Eine unglaubliche Vielfalt von endemischen Pflanzen, die es nirgends sonst gibt, nur auf Teneriffa. Dem Wanderer erschließt sich das Bild einer Vegetation mit ganz eigenen Spezies.
Mit Teneriffa verbinden viele wohl zuerst einmal Sonne, Sand und ’relächst’ Abhängen am Strand. Bummeln auf Strandpromenaden, ein Restaurant neben dem anderen und abends ab in die Disco ist angesagt. Doch daneben existiert ein anderes Teneriffa, die Insel der Wanderer und Naturliebhaber. Jedes Jahr sind es zig-tausende, die die Insel auf Schusters Rappen erkunden. Wer’s zum ersten Mal tut, der wird feststellen, dass es so unvergleichlich mehr gibt als nur Strand, Sand und Sonne. Soviel Natur in unterschiedlichsten Nuancen tut sich hier auf. Und wer schon oft hier gewandert ist, wird trotz seiner Erfahrung aus dem Staunen nicht herauskommen. Vom Meeresspiegel bis hinauf auf die höchste Spitze Teneriffas, bis hinauf auf den Pico del Teide, sind es 3.718 Meter. Von ganz unten bis ganz oben sind es sieben verschiedene Klimazonen mit noch einmal unzähligen variierenden Vegetationszonen.
Geographisch gehört Teneriffa zu Afrika, ist der südmarokkanischen Küste östlich vorgelagert und rund 300 km von dieser entfernt. Als Definition der übergeordneten Vegetationszone dient dagegen der Begriff Makaronesien, der auf griechisch bedeutet: Glückliche oder gesegnete Inseln. Makaronesien umfasst die Inseln von den Azoren im Norden bis zu den Capverden im Süden und ist noch einmal in drei Regionen unterteilt. Doch uns ist hier nur wichtig, dass die Kanaren dazu gehören und mit einer unglaublich breit gefächerten Pflanzenwelt gesegnet sind. Zum einen ist es der Einfluss der südlichen Hemisphäre, dann die Lage, vom Meer umspült, zum dritten der gewaltige Höhenunterschied und letztendlich der Nordostpassat, die die extrem unterschiedlichen Wetterverhältnisse und Vegetationszonen auf Teneriffa bestimmen. Um es salopp zu formulieren: der Süden sorgt für die Wärme, die Meereslage für die Abkühlung (was sich nicht widerspricht, denn nur dadurch ist die Temperatur im Jahresverlauf so ausgeglichen), das Gebirge für die unterschiedlichen Höhenzonen und das Wasser. Zuletzt bringt der Passat die Wolken zur Insel; sie wiederum würden einfach weiterziehen, gäbe es das hohe Gebirge nicht.
Wer schon öfters einmal her geflogen ist, wird festgestellt haben, dass nicht immer eitel Sonnenschein herrscht, hat man einmal das spanische Festland hinter sich gelassen. Dicke Wolken, eben jene des Passats, hindern den Blick aufs Meer. Kommen wir Teneriffa näher, stellen wir fest, dass diese Wolken sich vor der Insel stauen, von Norden her, während der Süden meist in der Sonne liegt.Das hat zu einem Nord-Südgefälle in der Vegetation geführt, der Norden der Insel ist ungleich grüner als der in Meeresnähe fast wüstenhafte Süden. Tabaibal und andere Wolfsmilchgewächse, weitere Sukkulenten und Beifuss machen sich hier breit, ebenso die schon früh auf die Kanaren eingeschleppten Feigenkakteen. Geht man höher hinauf in die Berge, ändert sich die Dichte der Vegetation, es wird grüner, die Pflanzen sind andere, größere Büsche kommen dazu, überall fällt der Blick auf Asparagusbüsche (Spargel). In feuchteren Zonen gleicher Höhe ist es erste Baumheide, die dichte, oft undurchdringliche Bestände bildet. Darüber folgt der Lorbeerwald, oft triefend vom kondensierenden Nass der Wolken. Dann der Pinienwald, der das hohe Gebirge einschließt wie eine Krone, die ’Corona Forestal’ und schließlich das Gebiet der Cañadas mit den riesigen Büschen des Teideginsters und den einzigartigen Taginasten. Und ganz oben in der hochalpinen Zone wird die Vegetation immer spärlicher, bald findet man nur noch die Teide-Veilchen.
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Dies war nur ein grober Überblick über die Vegetationszonen, in denen hunderte weitere Pflanzen vorkommen. Wachstumszonen, die noch einmal in Kleinklimazonen unterteilt werden und oft das Bild von einem Meter zum anderen wechseln, von der Sonne in den fast ganztägigen Schatten, von absolut trocken zu triefend nass, von einer Ansammlung von dunklem Humus zu einer Felsformation direkt darüber, in deren Spalten doch noch ein Aeonium (Dickblattgewächse) seine Wurzeln krallt.
Doch was macht Teneriffa zum Galapagos der Pflanzenwelt? Dazu müssen wir ein wenig in die Geologie der Insel bzw. der Kanaren eintauchen. Teneriffa tauchte als Vulkaninsel erst vor ca. 7 Millionen Jahren aus dem Meer auf. Seitdem fing es auf der Insel an zu wachsen; feucht und warm waren die damaligen klimatischen Bedingungen bestens für die Entwicklung eine Vegetation geeignet. Es fehlten nur noch die Pflanzen. Die wahrscheinlichste These ist die, dass die Vögel die Samen entweder außen anhaftend aber vor allem im Darm mitbrachten. Die Vögel kamen aus den räumlich nahen Ländern wie Nordafrika, aber es waren auch Zugvögel von weiter her. Zuerst keimten Flechten, Moose und Farne, die sich auf kaum vorhandenem Boden entwickelten, erst langsam sammelte sich im Lauf der Jahrtausende Humus an. Höhere Pflanzen fassten Fuß und spezialisierten sich auf die Wachstumsbedingungen Teneriffas, an ph-Werte, Wasserarmut, Hitze, Salz, Kälte und vieles mehr.
Daraus entstand eine Artenvielfalt, die im Laufe der Zeit von ihren Stammpflanzen auf dem Festland variierte, neue Arten und Unterarten entstanden, so genannte endemische Pflanzen. Das sind Pflanzen, die entweder nur auf Teneriffa oder auch auf anderen Kanareninseln vorkommen, aber nirgends sonst auf der Welt. Ein Paradebeispiel ist die kanarische Pinie oder Kiefer, deren nächster Verwandter im Himalaya unter ähnlichen Wachstumsbedingungen lebt. Die Kanarenkiefer musste Wasser aus den Wolken ’melken’, das kann sie wegen der höheren Anzahl und Länge ihrer Nadeln. Dabei braucht sie selbst sehr wenig Wasser, denn es gab und gibt Zonen und Zeiten, die nicht hohem Wasseraufkommen gesegnet sind. So verbraucht die Pinus canariensis, wie sie botanisch heißt, nur 20 % des Wassers, das sie den Wolken entzieht. Sie musste auch resistent sein gegen Feuer, es gab häufig Vulkanausbrüche. Sie entwickelte eine besonders dicke Borke und die Fähigkeit, selbst aus dem außen verkohlten Stamm wieder neu auszutreiben.
Die Menschen, die seit über 2000 Jahren, vielleicht schon länger, Teneriffa besiedeln, haben Pflanzen aus ihren Heimatländern eingeschleppt und so die ursprüngliche Flora bereichert aber auch verändert. Beispielsweise gab es früher weder Agaven noch Feigenkakteen, weder Schilf noch Eukalyptusbäume auf Teneriffa. Heute zerstören diese Pflanzen mehr und mehr die heimische Flora. Ein Beispiel aus jüngerer Zeit ist das Lampenputzergras, das alles überwuchert. Europäische Bewohner Kanarenbewohner der Jetztzeit brachten es aus Mitteleuropa mit. Auf La Palma und La Gomera gibt es bereits ein Programm zur Ausrottung des Lampenputzergrases, da man erkannt hat, welch großen Schaden dieses anrichtet.
Insgesamt leben fast siebenhundert endemische Pflanzen auf den Kanaren, davon die meisten auch auf Teneriffa. Rund einhundertsechzig Pflanzen sind endemisch nur auf Teneriffa. So erklärt sich also der Vergleich zur endemischen Tiervielfalt auf den Galapagosinseln. Mit Tieren sieht es hier allerdings ganz anders aus. Das größte (verwilderte) Landsäugetier ist das Kaninchen. Es gibt keine giftigen Tiere, weder Schlangen noch Skorpione, dafür aber reichlich Vögel und die größten Säugetiere im Wasser, rund 28 verschiedene Arten Wale und Delphine.
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