Warschau- Polens lebendigste Metropole

Warschau ist Polens lebendigste Metropole, die mit ihrer restaurierten Altstadt, den Luxusläden, der feinen Cuisine und zahlreichen Wolkenkratzern beeindruckt.

Warschau, das vor noch nicht allzu langer Zeit eine typische graue Metropole des ehemaligen Ostblocks darstellte, strahlt heute wieder in ihrem ehemaligen Glanz. Vor dem Krieg als “ Paris des Ostens” bezeichnet, ähnelt es jetzt allerdings immer mehr Manhattan, mit den vielen Wolkenkratzern, die das Zentrum prägen. Die meisten charmanten alten Stadtviertel sind zwar unwiderruflich durch die Plattenbauten und ihre moderneren Äquivalente aus Beton und Aluminium ersetzt worden, aber eine so von Tragödie und Leidenschaft geprägte Stadt kann ihren Geist niemals verlieren, egal wie erfolgreich und wohlhabend sie je sein könnte.

Die Einheimischen lieben natürlich ihre neue Freiheit und den Wohlstand, sind sehr verärgert, wenn jemand sie noch als irgendwelche Osteuropäer bezeichnet- nein, sie sind heute alle stolze Mitteleuropäer. Tatsächlich hatten sie aber immer Recht gehabt, denn der Geographie nach liegt das geographische Herz Europas unweit von Siedlce, also in der Nähe von Warschau, und dies mit Mauer in Berlin und ohne. Trotzdem bleibt immer eine gewisse Melancholie hier in der Luft, man spürt es irgendwie jedes Mal, wenn man durch diese Stadt spaziert, die zum Symbol der Überlebensfähigkeit einer Metropole geworden ist.

Die Menschen, die diese Hauptstadt auf der mittleren Weichsel vor ein paar Jahren besucht haben, würden heute wirklich schockiert sein über den ständigen Wandel des Stadtbildes und das Ausmaß der Änderungen. Polen hat sich während der letzten zwanzig Jahre mehr geändert als im ganzen vergangenem Jahrhundert und Warschau steht wie immer an der vorderen Front des Fortschritts. Nach Berlin wurde Warschau seit 1990 zur größten Baustelle Europas, und die Ergebnisse dieser zweiten „Gründerzeit“ , die guten sowie auch die schlechten Seiten zeigen sich deutlich nicht nur im Zentrum, sondern in fast jedem Bezirk und Vorort.

Vor zwanzig Jahre gab es im trostlosen Polen nichts in den Geschäften außer Essig und Brot, jetzt kann man alles kaufen, was das Herz begehrt. Vorher waren die breiten Straßen stärker von den anachronistischen Bussen und Straßenbahnen geprägt, jetzt sind die beiden in einer Tsunamiwelle der endlosen Staus kaum mehr zu bemerken. Sogar die Geschäfte und wuchtigen Einkaufszentren am Stadtrand, die eher amerikanisch als westeuropäisch wirken, bleiben oft die ganze Nacht geöffnet. Ein kleines New York, nicht Zürich, ist an der Weichsel gelandet!

Im Cafe Blikle am Nowy Świat, die berühmte Luxus Shoppingmeile, kann man Pączki genießen, eine Art polnischer Berliner, d.h. Krampfen für diejenigen die aus Wien stammen, gefüllt mit süßen Konfitüren. Cafe Blikle ist einer der wenigen Überreste des Warschaus aus der Zwischenkriegszeit - Herr Blikle und seine Nachfolger besitzen es ununterbrochen seit 1861, sogar im Kommunismus konnte es irgendwie in den privaten Händen bleiben. Nowy Świat ist ein Teil des sogenannten Königlichen Weges, eine Reihe prachtvoller Alleen, die die Altstadt mit dem barocken Wilanόw Palais im gleichnamigen südlichen Vorort verbinden.

Warschau litt wie kaum eine andere Stadt Europas im letzten Krieg, knapp 80 Prozent ihrer Gebäude wurden in Schutt und Asche gelegt. Trotzdem haben die Polen verschiedene Stadtviertel so gut rekonstruiert, dass man auch heute einen Eindruck der prachtvollen Vergangenheit genießen kann. Die Altstadt und Neustadt wurden mit solcher Liebe zum Detail originaltreu rekonstruiert, dass sie schon 1980 ihren Platz in der Liste des UNESCO Welterbes fanden.

Man kann die beiden, eher kleinen Bezirke mit dem Bus Nummer 175 direkt vom Flughafen aus erreichen. Jeder Stil - von Gotik bis Klassizismus - schmückt die bunten Fassaden. Die engen Gassen sind nur Kutschen und Fußgängern vorbehalten. Auf den Alten Marktplatz, Stary Rynek und in der Swiętojańska Straße bleiben zahllose Bars und Cafes bis zum frühen Morgen geöffnet, aber nur ein kleiner Abstecher genügt, um einen in die stillen Gassen wie Brzozowa oder Kamienne Schodki zu bringen, die einem einen perfekten Platz für ein privates Rendezvous bieten.

Innerhalb der Altstadt sollte man die Kathedrale des Hl. Johann nicht verpassen, ein riesiger Gotikbau aus dem 15. Jahrhundert. Sie dient jetzt als die Hauptkirche des polnischen Primas. Trotz ihrer kompletten Zerstörung während des Warschauer Aufstandes 1944 sind auch hier ein paar originale Elemente der ursprünglichen Ausgstattung erhalten geblieben: ein Kruzifix aus dem 16. Jahrhundert, bei dem Jesus menschliches Haar hat sowie die Ehrengräber in der Krypta, in der Polens letzter König Stanisław August und de erste Präsident des Landes Gabriel Narutowicz begraben sind.

Gleich neben der Kathedrale steht die Jesuitenkirche, die 1620 im Barockstil als Bestätigung der Treue der Bürger zum Katholizismus während der Gegenreformation erbaut wurde. Das schlichte Innere wird mit Licht, das von riesigen Fenstern stammt, beleuchtet. An der benachbarten Piwna Straße schießt der hohe Turm der Martinskirche in den Himmel. Die Kirche wurde zusammen mit dem benachbarten Augustiner Kloster schon 1443 errichtet, sie wurde aber später barockisiert. Sie dominiert das ganze Viertel mit ihrem 70 Meter hohen Turm. Als Erinnerung an ihre komplette Zerstörung 1944 hangt ein halbverbranntes Kruzifix über dem Hauptschiff, die abgebrannten Teile wurden im neuen Stil von der Karmelitanerschwester Antonia Skrzydłowska ersetzt.

Während die Altstadt bereits ab 1953 komplett wiederaufgebaut wurde, musste das königliche Schloss noch bis 1974 auf seinen Wiederbau warten. Ein riesiger, orangegestrichener Komplex erstreckt sich rund um einen großen Innenhof. Im Vergleich zu den anderen Palästen der europäischen Könige diente er nicht nur als eine öffentliche Residenz des Monarchen, sondern war auch gleichzeitig Sitz des Parlaments und verschiedener Ministerien der Krone.

Die erste moderne Verfassung Europas wurde hier am 3. Mai 1791 beschlossen. Nach Polens Verschwinden von der politischen Karte Europas 1795 diente das Gebäude zuerst als Regierungssitz des sogenannten südlichen Ostpreußens, nach 1815 wurde es zur Residenz der russischen Gouverneure umgebaut, schließlich wohnte hier zwischen 1926 und 1939 der Präsident der Republik. Nach seinem Wiederaufbau kann man wieder die prachtvollen Säle und Kammern besichtigen, außerdem finden hier viele Wechselaustellungen statt.

Auf dem von Pflastersteinen bedeckten Schlossplatz zieht sich die Sigmundsäule. Polens ältestes säkulares Denkmal ließ König Władysław IV Waza als Erinnerung an seinen Vater, König Zygmunt III Waza, 1644 errichten. Die Warschauer haben ihren eigenen Grund Zygmunt zu mögen, schließlich war es doch niemand anderes als er, der Polens Hauptstadt 1596 von Krakau nach Warschau unwiderruflich verlegt hat.

Die meisten Teile des Warschauer Zentrums wurden jedoch nicht in dem alten Stil wiederaufgebaut, sondern im Stil der stalinistischen Gotik, die heute noch viele Straßen ziert. Trotz seines schlechten Rufs sind die verschiedenen Gebäude, wie z.B. der 244 Meter hohe Kulturpalast oder die monumentalen Wohnhäuser rund um dem Konstytucji Platz, sehr sehenswert. Sie schenken dem Stadtbild einen einzigartigen Akzent, der sich nicht allzu schlecht auswirkt, wenn man diese Bauten mit den späteren, charakterlosen Plattenbaukästen vergleicht.

Der Kulturpalast bietet außerdem die besten Aussichten von ihrer Aussichtsterrasse auf dem dreißigsten Stock über die breitausgedehnte Stadt und sogar weit in das ländliche Masovien . Noch weiter himmelwärts, auf ihrer „gotischen“ Spitze wurde 2000 ein riesiges Uhrziffernblatt installiert, das mit acht Meter Breite wohl das größte Europas ist und von den Warschauern “Stalins Big Ben” genannt wird.

Praktische Hinweise

Um Warschau von Deutschland, Österreich oder der Schweiz am schnellsten zu erreichen, sollte man natürlich am besten fliegen. Detaillierte Auskünfte bekommt man bei jeder nationalen Fluglinie. LOT Polish Airlines ist das polnische Äquivalent zu Lufthansa. Manche günstige Fluglinien wie Wizzair, Ryanair oder Germanwings listen auch Warschau unter ihren Destinationen auf. Polen ist auch bequem mit häufig verkehrenden Zügen erreichbar, von Deutschland aus gibt es täglich direkte Verbindungen nach Warschau, von Frankfurt, Köln, Hannover, Dusseldorf und Berlin aus. In Österreich ist Wien ebenfalls täglich mit drei EC Zügen mit Polen und dessen Hauptstadt verbunden. Am besten fragt man in einem DB, ÖBB oder SBB Büro nach. Das Akronym PKP bezeichnet die Polnische Staatseisenbahnen. In Warschau kann man kann sich an die Fremdenverkehrsämter am Flughafen oder am Zentralen Bahnhof wenden, es gibt auch eines am Schlossplatz direkt gegenüber vom Königlichen Schloss. In allen Filialen werden kostenlose Karten und Broschüren ausgegeben und Hotelzimmer können ebenfalls gebucht werden. Die IT- Büros sind täglich zwischen 8.00 und 20.00 Uhr geöffnet.

Warschau stellt mehr als 30 Straßenbahnlinien und knapp 100 Buslinien sowie eine einzige Nord-Süd U-Bahn Linie mit 20 Stationen zur Verfügung. Mit einem solchen dichten, wenn auch nicht immer pünktlichen Verkehrsnetz macht überhaupt keinen Sinn ein Auto zu mieten, besonders wenn man nur in der Stadt beziehungsweise in deren unmittelbarer Umgebung bleiben will. Wegen der schrecklichen Staus sind die Warschauer bei den anderen Polen als sehr aggressive Fahrer bekannt und die löcherigen Straßen selbst sind wegen ihrer chronischer Überbelastung, den ewigen Baustellen und endlosen Umleitungen nicht besonders attraktiv. Am besten und sichersten fährt man mit den Bussen- die Buslinien Nummer 175 und 180 sind dabei besonders wichtig für die Besucher, der erste verbindet den Flughafen Okęcie mit dem Zentral Bahnhof, dem Zentrum und der Altstadt, der letztere verkehrt von der Altstadt entlang des Königsweges bis zum Wilanόw Palais am Südrand der Stadt.

Reisebericht als PDF
Autor: bnabrdalik  25.09.2010 |  Beitrag hilfreich? Ja | Nein (1)

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